Ein Sonntag in den BergenDaniel de Roulet erzählt in Ein Sonntag in den Bergen von einer Tat, die sein Leben geprägt hat: 1975 zündete er gemeinsam mit seiner Freundin Axel Springers Chalet oberhalb von Gstaad an. Dass man den Ausgang kennt, macht den Text nicht weniger spannend - im Gegenteil. Durch die langsame, reflektierende Erzählweise entsteht ein Sog, den ich so nicht erwartet hätte.
Besonders stark finde ich, wie De Roulet seine Überzeugungen der 70er-Jahre schildert, das macht den Text zu einem Zeitdokument der 70er-Jahre: RAF-Terror, Anti-Atom-Proteste, Misstrauen gegen alte Nazis und Empörung über die Springer-Presse. De Roulet schreibt mit Selbstironie, aber auch mit Ernst über politische Irrtümer, über die Verblendung des Kalten Kriegs und über die Liebe, die ihn damals begleitete. Seine Position wird verständlich, nachvollziehbar und ohne Verklärung geschildert.
Grossartig fand ich auch den Einstieg in das Buch: Das Zitat eines heutigen Politikers: «Ich weiss nicht, ob es Ihnen so geht wie mir, Tag für Tag bekämpfe ich das, wofür ich mich als junger Mensch engagiert habe.» Wow, was für ein Opener! Man ist sofort eingestimmt auf den folgenden Text.
Die Sprache ist schlicht und schön, die Übersetzung unglaublich feinfühlig. Bemerkenswert fand ich auch seine Wut auf das «schlossähnliche» Chalet Springers - googelt man Bilder, wirkt es heute fast bescheiden. Was inzwischen an überdimensionierten Chalets in die Alpen gesetzt wurde, erzählt wiederum eine ganz andere Geschichte…
Ein schnörkelloses, fesselndes Buch über Ideale, Irrtümer und die Kraft der Erinnerung.
AutorIn: Daniel de Roulet