VaimVaim ist der erste Roman von Jon Fosse nach der Verleihung des Literaturnobelpreises, und zugleich eine vergleichsweise irdische, beinahe heitere Variation seines Schreibens. Im Zentrum steht eine Dreieckskonstellation, die sich eigentlich um eine einzige Figur dreht: Eline, eine doch recht entschiedene Frau, die das Leben von drei Männern massgeblich beeinflusst. Erzählt wird aus den drei Ich-Perspektiven dieser Männer, wodurch sich die Geschichte nach und nach entblättert. Da Eline selbst aber nie eine Stimme bekommt, sondern wir sie immer durch den Blick eines anderen sehen, wird sie als Figur nicht greifbar - im Gegensatz zu den drei männlichen Protagonisten, in deren Kopf wir hineinschauen dürfen. Die ungewöhnliche Perspektivwahl macht sichtbar, wie sehr Begehren, Freundschaft und Loyalität voneinander abgleiten können.
Fosses Sprache ist unverkennbar: endlose, strudelartige Sätze, Wiederholungen, gedankliche Schleifen, die weniger vorantreiben als vertiefen. Es ist wirklich das Abbild eines Gedankenflusses! Die karge, rhythmische Prosa wirkt an vielen stellen überraschend licht, stellenweise ausgesprochen komisch, vor allem dann, wenn die knappen Dialoge in den Gedankenstrom hineinragen. Insbesondere diese Dialoge werden getragen von einem trockenen Humor. Die Handlung verweigert sich jeder klaren Dramaturgie und erzählt stattdessen von Irrungen, Missverständnissen und kleinen Verschiebungen im Gefüge menschlicher Beziehungen.
Vaim erzählt schlicht - und gerade darin meisterhaft - von Menschen, die einander lieben, verlieren, beobachten und nie ganz verstehen. Wer ein leichtes, kurzes Buch eines Nobelpreisträgers lesen möchte, das einen mit seiner schönen Sprache in den Bann zieht, ist hier genau richtig!
AutorIn: Jon Fosse
Verlag: Rowohlt
ÜbersetzerIn: Hinrich Schmidt-Henkel