Der andere ArthurWir befinden uns in New York City, genauer gesagt in Brooklyn, in einem dieser schmalen roten Häuser mit der Treppe vor der Eingangstür. Dort lebt Arthur Opp, ehemaliger Literaturprofessor, der seine Wohnung seit zehn Jahren nicht mehr verlassen hat. In einer Metropole ist das möglich: Alles kommt per Internet, finanziell ist Arthur abgesichert. Was nach Freiheit klingt, entpuppt sich jedoch als Falle. Arthur wiegt 250 Kilo, meidet die Aussenwelt und hat sich vollständig zurückgezogen.
In Bewegung gerät sein Leben erst, als ihn ein Brief seiner ehemaligen Studentin und Freundin Charlene Turner erreicht. Sie bittet ihn, ihrem Sohn Kel bei den College-Bewerbungen zu helfen. Arthur freut sich, schämt sich aber zugleich, denn er hat Charlene vieles verschwiegen: dass er nicht mehr unterrichtet, keine sozialen Kontakte pflegt und dass der Briefwechsel mit ihr sein letzter Anker zur Welt ist. Auch Charlene allerdings hat in ihren Briefen nicht alles erzählt. Diese wechselseitigen Auslassungen setzen eine Entwicklung in Gang, die sich leise, aber nachhaltig entfaltet.
Der Roman wird aus drei Ebenen erzählt: aus Arthurs Perspektive, aus der seines Sohnes Kel und durch den Briefwechsel zwischen Arthur und Charlene. Die Kapitelstruktur verdichtet sich im Laufe der Handlung, der Perspektivwechsel wird schneller, der Sog stärker. Liz Moore erzählt flüssig, klar und mit grosser Figurenkenntnis. Arthur, Charlene und Kel sind gesellschaftliche Randfiguren, klassische Antihelden, denen man wünscht, dass sie es schaffen. Besonders berührend ist Arthurs langsame, vorsichtige Entwicklung, Schritt für Schritt, glaubwürdig und ohne Pathos. Ebenso überzeugend ist die Beziehung zwischen Charlene und Kel, geprägt von Wut, Sorge und Liebe, erzählt ohne Wertung.
Der andere Arthur ist kein schmales Buch, aber eines, das sich zügig liest. Es ist keine hohe Literatur, aber deutlich mehr als blosse Unterhaltung. Ein Roman mit emotionaler Tiefe, erzählerischem Zug und grosser Menschlichkeit.
AutorIn: Liz Moore
Verlag: C.H. Beck
ÜbersetzerIn: Cornelius Hartz