Der letzte Sommer der TaubenDer letzte Sommer der Tauben stammt von Abbas Khider, einem deutschen Autor mit irakischen Wurzeln, dessen Werk sich konsequent mit Flucht, Exil und der Zerstörung von Identität befasst. Khider wurde im Irak wegen politischer Aktivitäten inhaftiert und floh 1996, Erfahrungen, die sein Schreiben bis heute prägen. 2025 erhielt er den Berliner Literaturpreis; die Jury würdigte ihn als exemplarische Stimme eines Paradigmenwechsels in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Der Roman führt an jenen historischen Wendepunkt zurück, als der sogenannte Islamische Staat im Irak und in Syrien ausgerufen wurde. Erzählt wird aus der Perspektive des 14-jährigen Noah, eines Taubenzüchters, der sein Leben auf dem Dach des Familienhauses zwischen Käfigen und Flügen verbringt. Das Land bleibt unbenannt, doch die Zeichen der neuen Macht sind unmissverständlich. Khider zeigt, wie sich der Alltag radikal verändert: öffentliche Hinrichtungen, Verbote von Zigaretten und Handys, das Verschwinden von Frauen aus dem öffentlichen Raum.
Noahs Vater wird gezwungen, sein Kleidergeschäft den neuen religiösen Vorschriften zu unterwerfen, alles Weibliche muss verschwinden. Der Onkel Ali verliert sein Café, behält aber die Tauben, die ihn mit Noah verbinden. Diese Tauben stehen für alles, was nach und nach zerstört wird: Freiheit, soziale Bindung, Solidarität, die Orientierung am Schwächeren. Der Roman ist damit weniger eine klassische Erzählung als eine Parabel über totalitäre Herrschaft.
Was leicht platt wirken könnte, gewinnt bei Khider Tiefe durch kulturelle Verankerung und sprachliche Präzision. Im kleinen Kosmos eines Jugendlichen zeigt er, wie Staat, Recht und Religion ineinandergreifen und kein Entrinnen zulassen. Der letzte Sommer der Tauben ist ein sehr menschliches, fein ausbalanciertes Buch, das schmerzlich vor Augen führt, wie zerbrechlich Freiheit ist und wie privilegiert unser eigener Alltag.
AutorIn: Abbas Khider
Verlag: Hanser