Die zerbrechliche ZeitDonatella Di Pietrantonio gelingt etwas Seltenes: Sie verbindet die Spannung eines Kriminalromans mit der sprachlichen Dichte grosser Literatur. Die zerbrechliche Zeit erzählt von Gewalt und ihren langen Schatten, vor allem aber davon, wie Traumata über Generationen hinweg nachwirken.
Im Mittelpunkt steht Lucia, eine Physiotherapeutin in einem abgelegenen Dorf der Abruzzen. Als ihre Tochter Amanda nach einem Studium in Rom plötzlich verstummt, sich zurückzieht und jede Nähe verweigert, spürt Lucia, dass etwas Schreckliches geschehen sein muss. Während sie verzweifelt versucht, ihre Tochter zu erreichen, holt sie die eigene Vergangenheit ein: Jahrzehnte zuvor wurde die Region durch einen brutalen Doppelmord erschüttert - ein Verbrechen, das Lucia nur durch Zufall nicht selbst zum Opfer machte und dessen Schuldgefühl sie bis heute begleitet.
Donatella Di Pietrantonio erzählt diese Geschichte langsam, beinahe tastend. Die Spannung entsteht nicht durch rasante Wendungen, sondern durch das, was unausgesprochen zwischen den Figuren steht. Vergangenheit und Gegenwart greifen immer wieder ineinander, bis sich nach und nach ein erschütterndes Bild von familiären Abhängigkeiten, patriarchalen Strukturen und der Zerbrechlichkeit menschlicher Beziehungen zusammensetzt.
Besonders beeindruckt hat mich, wie eng Landschaft und Figuren miteinander verwoben sind. Die rauen Abruzzen mit ihren verlassenen Bergdörfern, kargen Wäldern und steilen Felsen sind weit mehr als eine Kulisse - sie spiegeln die Enge, das Schweigen und die Unausweichlichkeit, die das Leben der Menschen prägen.
Trotz aller Schwere ist dies kein hoffnungsloser Roman. Er erzählt ebenso von der Kraft von Müttern und Töchtern, von Menschlichkeit und von der Möglichkeit, sich der eigenen Vergangenheit zu stellen. Donatella Di Pietrantonio schreibt mit einer grossen sprachlichen Präzision und psychologischen Feinheit, ohne ihre Figuren je zu verurteilen.
Ein intensiver, atmosphärischer Roman, der lange nachhallt - weil er zeigt, dass die Vergangenheit nie wirklich vergangen ist und Heilung oft dort beginnt, wo endlich ausgesprochen werden kann, was jahrelang verschwiegen wurde.
AutorIn: Donatella di Pietrantonio
Verlag: Kunstmann
ÜbersetzerIn: Maja Pflug