Louis Capet, Fortsetzung und SchlussWas wäre gewesen, wenn die Französische Revolution anders ausgegangen wäre?
Nicht grundsätzlich anders. Nur ein kleines bisschen.
Wenn Louis XVI. nicht unter der Guillotine geendet hätte, sondern im Waadtland.
Jean-Luc Benoziglio nimmt genau diesen Gedanken und spinnt ihn mit einer Ernsthaftigkeit weiter, die das Absurde erst richtig zum Leuchten bringt. Sein entthronter König Louis Capet wird nach Saint-Saphorien am Genfersee verbannt, wo er fortan ein Leben führt, das so unerquicklich wie komisch ist. Er schreibt Briefe an die Berner Vögte, die unbeantwortet bleiben, trinkt literweise Schnaps, verschmäht den lokalen Weisswein mit königlicher Entrüstung und spaziert durch eine Welt, die auf ihn ungefähr so sehr gewartet hat wie auf einen Hagelsturm im Juli.
Das Geniale an diesem Roman ist, dass niemand recht weiss, was man mit einem ehemaligen König anfangen soll. Die Royalisten sehen in ihm noch immer einen Monarchen, die Revolutionäre ein Ärgernis, die Einheimischen vor allem eine Kuriosität. Louis Capet selbst wirkt dabei oft wie ein Gespenst seiner eigenen Vergangenheit: einst Mittelpunkt Europas, nun ein Mann, dessen gesellschaftlicher Höhepunkt ein Abendessen beim Dorfarzt ist.
Gerade diese Szene gehört zu den grossen Vergnügen des Buches. Denn während die Gästeliste politische Fallstricke birgt, scheint die Gastgeberin bei der Menüplanung vollkommen entspannt. Schliesslich bekommt man nicht alle Tage die Gelegenheit, einen echten König zu bewirten. Und wenn man es richtig anstellt, kann man davon noch Jahre später erzählen.
Benoziglio erzählt das alles mit trockenem Witz, feinem Gespür für Absurditäten und einer Sprache, die sich tatsächlich wie ein historisches Dokument liest, während sie gleichzeitig dessen Parodie ist. Man lacht oft. Nicht laut und grob, sondern mit jenem Vergnügen, das entsteht, wenn ein Autor eine Idee konsequent bis in ihre letzten Verästelungen verfolgt.
Je länger man liest, desto deutlicher wird allerdings, dass dieses Buch mehr ist als eine literarische Spielerei. Es stellt die schöne Frage, wie viel von Geschichte eigentlich Zufall ist. Wie anders hätte die Welt ausgesehen, wenn an einem entscheidenden Punkt anders abgestimmt worden wäre? Und was bleibt von Macht, Ruhm und politischer Bedeutung übrig, wenn man sie einem Menschen einfach wegnimmt?
Vielleicht genau das, was Louis Capet in Saint-Saphorien bleibt: Spaziergänge, Schnaps, unerledigte Briefe und die Erkenntnis, dass selbst Könige irgendwann zu Nachbarn werden.
Ein wunderbar skurriles, kluges und sehr schweizerisches Stück Alternativgeschichte.
AutorIn: Jean-Luc Benoziglio
Verlag: verlag die brotsuppe
ÜbersetzerIn: Gabriela Zehnder