AbendliedAus dem Treppensturz und anschliessenden Krankenhausaufenthalt einer älteren Dame entwickelt Stewart O'Nan einen feinfühligen, leisen und unglaublich warmherzigen Roman. Im Zentrum steht der „Humpty Dumpty Club", eine kirchliche Gruppe älterer Frauen, die Besuche, Pflege, Fahrdienste und alles, was nötig ist organisieren, die sich gegenseitig unterstützen, auch miteinander das Leben feiern.
Im Zentrum stehen nicht die Alltagssorgen, die Corona-Pandemie oder die Todesfälle, sondern leise innere Verschiebungen bei den Protagonistinnen aus dem Club: Emilys Schlaflosigkeit, verschärft durch die herbstliche Zeitumstellung, wird zur Metapher für das Aus-dem-Takt-Geraten im Alter. Arlenes beginnende Demenz zeigt sich in kleinen Irritationen, in Momenten, die erst beiläufig wirken und dann doch erschrecken.
Susie tastet sich über eine Dating-App zurück ins Leben und in die Möglichkeit von Nähe.
O'Nan interessiert sich nicht für das Spektakuläre, sondern für die „kleinen Leute" und ihre stillen Kämpfe. Er schaut genau hin und urteilt nie über seine Figuren. Thomas Gunkels Übersetzung trägt diese feine Genauigkeit sehr schön.
Gleichzeitig ist der Roman klar in seiner Zeit verankert: Die Pandemie, gesellschaftliche Verunsicherung und der beginnende Trumpismus bilden einen Hintergrund, der das Private unmerklich einfärbt.
So entsteht ein leiser, atmosphärisch dichter Text über Freundschaft, Verlust und die tägliche Anstrengung, im Alter die eigene Würde zu bewahren. Ein unglaublich schöner Roman, den ich euch sehr gerne empfehle!
AutorIn: Stewart O'Nan
Verlag: Rowohlt
ÜbersetzerIn: Thomas Gunkel