Bis die Bären tanzenMich schreckt es meistens, wenn auf einem Buch steht «Für die Leser von ...» In diesem Fall: John Irving. Ich liebe John Irving. Und ganz ehrlich? «Bis die Bären tanzen» liebe ich auch! Da hat die Marketing-Zuschreibung «Für die Leser von» einmal so richtig gepasst!
Manche Familienromane erzählen von Herkunft. Bis die Bären tanzen erzählt hauptsächlich von Bewegung. Vom Aufbrechen, Verschwinden, Wiederauftauchen und vom rastlosen Wunsch nach einem anderen Leben.
Im Zentrum steht die Familie Lieber, die in der Schweiz auf ihre Einbürgerung hofft, während Europa politisch und gesellschaftlich aus den Fugen gerät. Drei der vier Geschwister zieht es hinaus in die Welt: in den brasilianischen Dschungel, nach Sydney oder ins Berlin der Nazizeit.
Was folgt, ist kein klassisch chronologischer Familienroman, sondern ein funkenstiebender literarischer Ritt über Kontinente, Jahrzehnte und Lebensentwürfe. Und durch Berufe: Kunstturner, Maskenbildner, Zirkus-Artisten, politische Attentäter, Börsen-Knacker, Flugpioniere - es gibt jede Menge zu erfahren.
Liebe, Migration, Sexualität, politische Umbrüche und familiäres Schweigen laufen dabei ständig ineinander.
Michael Hugentobler erzählt das mit einer Fabulierlust, die mich to-tal mitgerissen hat.
Immer wieder kippt der Roman ins Schräge, Poetische oder beinahe Märchenhafte, ohne je den emotionalen Kern seiner Figuren zu verlieren. Gerade diese Mischung macht das Buch so besonders - und natürlich der Sog der Geschichte an und für sich, denn man bleibt dran, an diesem farbenfrohen Gewusel. Es ist wild und melancholisch zugleich, voller Humor, Sehnsucht und manchmal fast schmerzhafter Menschenkenntnis.
Auch sprachlich ist das das Buch ein grosses Vergnügen: bildstark, rhythmisch und mit einer Lust am Erzählen, die man auf jeder Seite spürt. Erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, in unterschiedlichen Formen (Brief, Bericht etc.), extrem abwechslungsreich und unterhaltsam.
Bis die Bären tanzen ist deshalb nicht einfach nur ein Familienroman, sondern ein literarisches Abenteuer voller Wärme, Eigenwilligkeit und Leben - eines dieser Bücher, in denen man sich beim Lesen regelrecht verliert. Ich mich zumindest!
AutorIn: Michael Hugentobler
Verlag: dtv