Lesetipps
Lesen erweitert den Horizont – und die richtige Empfehlung kann zur Entdeckung werden. In meinen Buchempfehlungen finden Sie eine bunte Mischung von Titeln, die mich persönlich überzeugt haben. Meine Rolle ist die einer Vermittlerin, keiner Kritikerin. Darum verstehen sich meine Empfehlungen nicht als fundierte Rezension, ich möchte lediglich eine kleine Inspirationsquelle bieten. Viel Spass beim Stöbern!

Eine schon fast verstörende aber gleichwohl fesselnde Geschichte über ein Ehepaar in Japan. Er ist Universitätsprofessor sie, elf Jahre jünger. Er sorgt sich, sie sexuell nicht mehr befriedigen zu können - steht jedoch vor dem Hindernis, dass seine zu Prüderie erzogene Gattin jegliche Konversation über irgendwelche sexuelle Themen ablehnt. So beschliesst er, über sein Tagebuch mit ihr zu kommunizieren… und auch sie beginnt, sich Aufzeichnungen zu machen, die sie sehr nachlässig versteckt. Wir tauchen tief ein in die Innenwelt des Ehepaars - man liest seine und auch ihre Aufzeichnungen, die einzig zum Zweck der „geheimen" Kommunikation verfasst worden. Doch bald beginnt das Spiel aus dem Ruder zu laufen… Ein etwas verstörendes, anregendes und sehr spezielles Buch.
AutorIn: Junichiro Tanizaki
Verlag: cass
ÜbersetzerIn: Sachiko Yatsushiro und Gerhard Knauss

Zuerst einmal: Das Cover ist selten daneben gewählt. Wer eine romantische Liebesgeschichte im Sechzigerjahre-Flair erwartet, wird in die Irre geführt - und zwar gründlich!
«Im Café der verlorenen Jugend» erzählt von einer Frau, Louki, die in ärmlichen Verhältnissen herangewachsen ist, als Jugendliche immer wieder abhaute, der eine höhere Schulbildung versagt wurde (es wäre auch undenkbar), sich treiben lässt. Die ganze Traurigkeit offenbart sich, als ausgerechnet ein Polizeiverhör zum Wendepunkt ihres Lebens wird (weil ihr jemand zuhört). Sie heiratet, verlässt den Mann wieder, führt eine Art Bohème-Leben, scheitert aber auch hier. Vier Perspektiven beleuchten die Protagonistin (eine ist ihre eigene), das ist spannend, aber auch redundant. Das Ende hat mich ratlos zurückgelassen. Und trotzdem lässt das Buch mich seit Jahren nicht los, vielleicht auch, weil atmosphärisch so dicht vom Paris der 60er Jahre erzählt wird.
AutorIn: Patrick Modiano
Verlag: dtv
ÜbersetzerIn: Elisabeth Edl

Geschehen ist es auf der Alp Falätscha, weit hinten im Safiental. Drei Männer wachen nach einer Nacht auf, benommen, mit lückenhaften Erinnerungen - und finden den Zusenn tot im Stall, die Mistgabel in der Brust.
Statt die Polizei zu rufen vergraben sie die Leiche und mit ihr die Wahrheit.
Erst 28 Jahre später wird der Fall wieder aufgerollt, denn einer der Männer bringt ihn zur Anzeige, und der Churer Kriminalkommissar Jon Calonder beginnt zu ermitteln.
Doch schnell wird klar, dass es hier um weit mehr geht als um die Frage, wer der Täter war, sondern um das Schweigen und darum, was es gemacht hat, mit den drei Männern aber auch mit dem gesamten Tal. Calonder merkt schnell, dass alle etwas wissen, aber niemand wirklich spricht.
Stefan Gartmann erzählt diese Geschichte nicht als klassischen Krimi mit schnellen Wendungen. Er geht Schritt für Schritt vor, Gespräch für Gespräch, und genau daraus entsteht ein unglaublich starker Sog.
Mich hat vor allem beeindruckt, wie präzise er zeigt, was Schuld über Jahrzehnte hinweg mit Menschen macht. Falätscha ist ein grosses, ungewöhnlich dichtes Debüt, das man nicht einfach liest, sondern regelrecht durcharbeitet - und genau das macht es so gut. Un-be-dingt lesen, bitte!
AutorIn: Stefan Gartmann
Verlag: bilger

„Der Dreizehnjährige, der auf die Waage stieg und sich um den Verstand verliebte", so kündigt der Verlag das Buch an. Es könnte platt wirken - und es könnte auch alles platt sein, aber das Buch ist grossartig. Im Zentrum steht freilich der junge Mann, ein 13-Jähriger, übergewichtiger und sehr sympathischer Held, der sich gerade in seinen Sommerferien befindet. Weil ihn aber Elsa so herrlich anlächelt, dass ihm quasi alle Sinne schwinden, beschliesst er, eine radikale Abmagerungskur zu starten. Dass Elsa einen Mann hat, ist ein Problem, über das er lieber nicht nachdenken möchte. Diesen Mann, Tscho, kennt der junge Mann recht gut, denn unser Held arbeitet in den Sommerferien an einer Tankstelle, und der Tscho tankt da regelmässig seinen LKW - er ist nämlich Fernfahrer. Ganz praktisch, so weiss der junge Mann, wann der Tscho weg ist und er vor dem Haus der Elsa herumlungern kann, in der Hoffnung, sie mal wieder zu sehen. Oder gar einen Kaffee mit ihr zu trinken. Schwarz, versteht sich, null Kalorien.
All das ist schon herrlich erzählt, aber dann nimmt das Buch eine Wendung (ich sage nur: Roadtrip!), bekommt etwas tiefsinniges, etwas poetisches. Es ist ein Roman, der harmlos wirkt, und dann plötzlich als Literatur um die Ecke kommt. Hat mir wirklich extrem gut gefallen!
AutorIn: Wolf Haas
Verlag: Hoffmann und Campe

Gianrico Carofiglio, ehemaliger Richter, Senator und Anti-Mafia-Staatsanwalt, gehört zu den Autoren, die dem Kriminalroman eine besondere Tiefe verleihen. In Der Horizont der Nacht kehrt sein bekannter Held, der Avvocato Guido Guerrieri, mit einem Fall zurück, der zunächst klar erscheint und sich dann immer weiter öffnet.
Elvira Castell hat den Lebensgefährten ihrer Zwillingsschwester erschossen. Sie bestreitet die Tat nicht. Doch gleichzeitig erklärt sie, sich an den entscheidenden Moment überhaupt nicht erinnern zu können. Der Mann sei verantwortlich für den Selbstmord ihrer Schwester gewesen, sagt sie, doch was genau in der Wohnung geschah, bleibt im Dunkeln. Aus dieser scheinbar eindeutigen Ausgangssituation entwickelt Carofiglio eine Geschichte, die immer stärker in die Grauzonen von Erinnerung und Wahrheit führt. Der Avvocato baut seine Verteidigungsstrategie auf Notwehr auf, es ist auch nicht auszuschliessen, dass der Mann Elvira Castell bedroht hat. Gleichzeitig spürt er sehr deutlich: sie wollte ihn umbringen. Das war Vorsatz.
Parallel dazu verfolgt der Roman einen zweiten Erzählstrang: Guerrieri selbst beginnt eine psychoanalytische Therapie. Er zweifelt an seinem Beruf, an seinen Entscheidungen, an den Erinnerungen aus seiner eigenen Kindheit. Schritt für Schritt entfaltet sich so ein ebenso spannender wie nachdenklicher Roman über Selbsttäuschung, Verantwortung und die Frage, wie sehr unsere Erinnerungen unser Bild von uns selbst bestimmen.
Der Kriminalfall und Guerrieris Selbstbefragung spiegeln sich dabei immer wieder gegenseitig. Carofiglio verbindet die Spannung eines Justizthrillers mit philosophischen Überlegungen über Wahrheit, Glück und eine Gegenwart, die zunehmend von Selbstinszenierung und Narzissmus geprägt ist. Das ist klug, melancholisch und ausgesprochen fesselnd erzählt.
Der Horizont der Nacht ist deshalb weit mehr als ein klassischer Krimi. Es ist ein literarisch hochwertiger Roman, der einen beim Lesen mitreisst und gleichzeitig zum Nachdenken zwingt - ein Buch, das mich wirklich nachhaltig begeistert hat.
AutorIn: Gianrico Carofiglio
Verlag: Folio
ÜbersetzerIn: Verena von Koskull

Das Buch richtet den Fokus auf eine Köchin mit ausserordentlicher Begabung, ausserordentlichem Geschmackssinn und erzählt ihre Lebensgeschichte von Anfang an. Dass Eva Thorvald nach einer nicht ganz unkomplizierten Kindheit (die Mutter verliess die Familie kurz nach der Geburt), einer nicht ganz schwierigen Jugend (der Vater wurde krank, das Geld war knapp) zur angesagtesten Köchin Amerikas wird, erfüllt den Leser mit gewisser Befriedigung. „Dabei" zu sein, wie sie ihre sensationellen Rezepte und Formate für ihre pop-up Restaurants entwickelt, macht grossen Spass. Plus: Der Autor streut immer wieder Geschichten von Nebenfiguren ein, die auf den ersten Blick überhaupt nichts mit Eva Thorvald zu tun haben, sich aber weiter hinten wieder in die Haupt-Handlung des Buches einspeisen, das ist ein amüsanter Leseeffekt. Ich bin bei der Stange geblieben, denn es ist eine sehr unterhaltsame Geschichte, die gut geschrieben und von Anna-Nina Kroll gut übersetzt ist.
Fazit: Ein Buch, das man gut an einem verregneten Samstagnachmittag „wegschlotzen" kann, allerdings empfiehlt es sich, in der Nähe einer Flasche Wein und eines gefüllten Kühlschranks zu lesen, denn: es wird so viel gegessen und gekocht, dass der Hunger nicht so lange auf sich warten lässt!
AutorIn: J. Ryan Stradal
Verlag: Diogenes
ÜbersetzerIn: Anna-Nina Kroll

Leo lebt mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder auf engstem Raum. Ab und an kreuzt ihr gewalttätiger Vater auf, um mal wieder alle zu bedrohen. Dass sie nach dem Abi weg will, gesteht sie ihren Liebsten erstmal nicht. Und dann fängt dieser lange, letzte Sommer an: eine scheinbar endlos lange, schulfreie Zeit, in der eine Party die nächste jagt, man auf dem Fahrrad durch die Sommerhitze prescht, den Wind im Haar, den Song im Ohr hat.
Inga Hanka beschreibt diese bittersüsse Stimmung am Umbruch eines jugendlichen Lebens sehr authentisch und extrem sinnlich: auch deshalb wird man als Leserin sofort zurückgeworfen. In die eigene Jugend, in diese Zeit zwischen Freiheit und Zukunftsangst, in der alles gleichzeitig möglich und überwältigend erscheint.
Die sehr überzeugenden Schilderungen von Leos Liebesleben, Enttäuschungen und zarten Annäherungen sind so authentisch geschildert, dass man am liebsten kreischen und quietschen mag vor Vergnügen: wie bedeutungsschwer wird die Berührung zweier kleiner Finger, wenn es das erste Mal passiert!
Little Hollywood, die Videothek an der Ecke, wird dabei zu einem kleinen Zufluchtsort, an dem Leo sich zwischen Filmen, Gesprächen und Sommerabenden treiben lassen kann. Gleichzeitig entfaltet der Roman eine sehr überzeugende Familiendynamik, die zeigt, wie eng Nähe, Konflikt und Loyalität miteinander verbunden sein können.
Ein Roman, der perfekt zum Frühling und beginnenden Sommer passt: sehr gute Unterhaltung, ohne auch nur ansatzweise doof oder platt zu sein, eine sauber erzählte und überzeugende Geschichte. Well done!
AutorIn: Inga Hanka
Verlag: ecco

Hand aufs Herz: Wer hat sich nicht schon einmal an einem Sonntagabend von einem gemächlichen Fernsehfilm beruhigen lassen?
Man weiss früh, wer gut und wer schwierig ist, das Tempo ist moderat, die Landschaft schön, das Ende versöhnlich.
Ganz ähnlich fühlt sich Mathilde und Marie an - nur eben zwischen zwei Buchdeckeln. Der Roman führt ins belgische Redu, ein echtes Bücherdorf mit dreizehn Buchhandlungen und weniger als vierhundert Einwohnern. Hier scheint die Zeit langsamer zu vergehen, das Internet ist nur eine Stunde am Tag verfügbar, und niemand gerät in Panik, wenn der Kirchturm ein wenig schief steht.
In dieses Dorf verschlägt es die junge Marie, die Paris überstürzt verlässt und ohne Plan in einen Zug steigt. Dort begegnet sie Jónína, einer isländischen Buchhändlerin mit feinem Gespür für Menschen, die sie kurzerhand mit nach Redu nimmt. Zwischen Bücherregalen, Waldspaziergängen und langen Gesprächen findet Marie etwas, das ihr zuvor fehlte: Zugehörigkeit.
Als Jónína überraschend nach Island zurückkehrt, bleibt Marie und muss ihren Platz in dieser Gemeinschaft selbst behaupten. Dabei spielt auch Mathilde eine Rolle, eine eigenbrötlerische Frau, die noch im Schatten der Trauer um ihren Mann lebt.
Die Handlung des Romans entwickelt sich ruhig, beinahe behutsam, getragen von detaillierten Naturbeschreibungen und einer liebevollen Feier des Lesens. Wer Tempo und dramatische Wendungen sucht, wird hier nicht fündig; alle die eine leichte, wohltuende Lektüre suchen, die entschleunigt und Wärme ausstrahlt, sind bei diesem Roman genau richtig.
AutorIn: Torsten Woywod
Verlag: dtv

Vorneweg: diesem Roman verdanke ich die Entdeckung des mir allerliebsten Cocktails: Sidecar. Zuvor hatte ich nie davon gehört - jetzt ist er der Favorit. Freilich liebt man Bücher für solche Eingriffe ins persönliche Leben. Aber van Vechtens „Party" ist auch abgesehen von dieser Entdeckung (die ihr ja dank der Rezension jetzt bereits gemacht habt) sehr lesenswert. Es ist eine Art Abgesang auf die Goldenen Zwanziger, der Lack ist definitiv schon ab, das Rad dreht sich so schnell, dass es zur puren Erschöpfung von allen führt. Alkohol fliesst in Strömen, die einem heutigen Menschen, der sehr viel Geld für seine Krankenversicherung ausgibt, absolut monströs erscheinen. Der Rausch, das Tempo, die ewige Suche nach einem weiteren Rausch, einer weiteren Party überträgt sich aber auch auf den Leser, zumindest mir ist es so gegangen: da fängt einem der Kopf zu schwirren an. Im Mittelpunkt der „Handlung" (Anführungszeichen, da es wirklich erstaunlich wenig Handlung ist!) steht ein Ehepaar, das unverkennbar Zelda und Scott Fitzgerald sind.
Van Vechten ist ein Zeitzeuge, man darf davon ausgehen, dass dieser Roman sehr authentisch ist (was die Fitzgeralds angeht, aber auch, was die gesamte Szene zu dieser Zeit angeht). Dass er sich nicht nur in der Beschreibung der Geschehnisse verliert, sondern spöttlisch-ironisch kommentiert, ist eine grosse Stärke des Romans, den ich wirklich empfehlen möchte.
AutorIn: Carl van Vechten
Verlag: Applaus
ÜbersetzerIn: Egbert Hörmann

Buti ist ein behutsamer Erzähler, das hat er schon in seinem ersten Band bewiesen, und er beweist es erneut. „Das Leben ist ein wilder Garten" ist ein stilles Buch, keines, in dem einen die Handlung überrennt.
Der Autor lässt uns teilhaben an den unglaublich präzisen Beobachtungen seines Erzählers. Im Zentrum steht ein Landschaftsgärtner, dessen Mutter verschwunden ist - auf in die Vergangenheit, bzw. die Orte ihrer Vergangenheit, von denen der Sohn nichts wusste. Seinem Hilfsgärtner, einem von Fremdenfeindlichkeit bedrohter Kosovaren, gelingt es besser als ihm, den Zugang zur Mutter zu finden.
Eigentlich ist es witzlos, eine Rezension über das Buch zu schreiben, die darauf eingeht, was passiert, denn es kommt ganz und gar nicht auf die Handlung an, sie scheint sich aus der Sprache heraus zu ergeben. Grossartig übersetzt von Marlies Reuss ist «Das Leben ist ein wilder Gaten» eine echte Perle!
AutorIn: Roland Buti
Verlag: Zsolnay
ÜbersetzerIn: Marlies Russ

Wir schreiben das Jahr 1920. Im Kurort Bad Nauheim führt der betuliche Direktor Kleeberger sein etwas in die Jahre gekommenes Hotel „Rastender Kranich" mit grossem Pflichtbewusstsein und noch grösserer Verdrängung, was dessen Renovierungsbedarf betrifft. Als die Versammlung Deutscher Naturforscher im Ort stattfindet, wittert er eine Chance auf neue Strahlkraft, denn ausgerechnet die beiden verfeindeten Physiker Albert Einstein und Philipp Lenard steigen bei ihm ab.
Der wissenschaftliche Streit um die Relativitätstheorie ist dabei längst auch politisch aufgeladen, der Antisemitismus, der später verheerende Dimensionen annehmen wird, ist bereits deutlich spürbar, doch Kleeberger sieht vor allem eine Gelegenheit: Wenn ausgerechnet er die beiden Kontrahenten in seinem Hause versöhnen könnte, wäre das die Rettung für sein Hotel.
Daniel Mellem erzählt diese absurde Konstellation mit viel Humor und erzählerischer Leichtigkeit.
Zwischen Badehaus, Teestunden und diplomatischen Verrenkungen des Direktors entfaltet sich ein ebenso amüsantes wie klug konstruiertes Kammerspiel.
Dass Mellem promovierter Physiker ist, merkt man der Präzision der fachlichen Passagen an, ohne dass sie je trocken wirken. So entsteht ein Roman, der leichtfüssig daherkommt, historisch informiert ist und ganz nebenbei zeigt, wie eng Wissenschaft, Politik und persönliche Eitelkeiten miteinander verwoben sind. Ich sage: Lesespass, der Lust auf Thermalbad macht!
AutorIn: Daniel Mellem
Verlag: Kein&Aber

Uff. Vorneweg: Ein hartes Buch. Ein grossartiges Buch. Es geht um einen Krankenpfleger, der als Sterbebegleiter eingesetzt wird. Die Schilderungen der Menschen, die freiwillig gehen, der Angehörigen, die dabei sind, aber auch des Protagonisten, wie er das alles wahrnimmt, hauen einen um. Es ist so menschlich! Nicht aufgesetzt, übertrieben oder über-inszeniert, sondern einfach nur sehr sehr gut. Das private Leben unseres Helden birgt auch einiges, namentlich eine gerade begonnenen Dreiecksbeziehung, die er lieber auf dem Level einer Affaire belassen würde und seine Mutter - schwer schwer demenzkrank (was eine weitere Perspektive in das Sterben-auf-Willen-Thema bringt). Das Buch ist vielschichtig, traurig, dann auch wieder unglaublich witzig, unterhaltsam, ironisch, schräg und gehört tatsächlich zu den besten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe.
AutorIn: Steven Amsterdam
Verlag: Unionsverlag
ÜbersetzerIn: Marianne Bohn

Woher kommt eigentlich unser Bild von Kleopatra?
Aus einer Geschichtsschreibung, die stark westlich und Rom-zentriert geprägt ist. Meist erscheint sie darin als Verführerin an der Seite grosser Männer (Römer!), selten als eigenständige Herrscherin eines Weltreichs.
Die britische Autorin Saara El-Arifi erzählt anhand von historischen Fakten eine fiktive Lebensgeschichte Kleopatras, lässt diese aber konsequent selbst sprechen.
Mit neunzehn Jahren besteigt sie den Thron und bewegt sich fortan in einem Geflecht aus Intrigen, familiären Bündnissen und politischer Gewalt. Ihre Macht ist fragil, umkämpft und muss immer wieder neu behauptet werden.
Der Roman ist dabei ausgesprochen sinnlich erzählt: Man spürt die Hitze Ägyptens, riecht die Öle und Harze, erlebt Rituale, Körperlichkeit und Begehren ebenso wie Angst und strategisches Kalkül.
Kleopatra erscheint als Pharaonin, Diplomatin, Mutter und Liebende, als kluge Taktikerin mit weitem Horizont.
Besonders stark ist, dass El-Arifi unterschiedliche Überlieferungen ernst nimmt und nebeneinanderstellt. Neben römischen Stimmen wie Cicero oder Plinius treten auch arabische Historiker wie al-Masʿūdī, der Kleopatra als Gelehrte und Heilerin (war mir vollkommen neu!) würdigt. Diese Perspektive erweitert unseren vertrauten europäischen Blick um eine Tradition, die ebenso Teil der Geschichte ist, nur, dass wir ihr seltener begegnen. Die Grenzen der historischen Quellentreue und der literarischen Fiktion verschwimmen beständig, machen aber auch klar, dass historische Quellen auch eine Art literarische Fiktion sein können. Es ist alles Geschichtsschreibung.
So entsteht ein epischer, atmosphärisch dichter Roman, der sinnlich erzählt und zugleich klug reflektiert, wie sehr wirklich jede Überlieferung schlussendlich Interpretation ist. Grosser Lese-Spass!
AutorIn: Saara El-Arifi
Verlag: Hoffmann und Campe
ÜbersetzerIn: Volker Oldenburg

Die Freundschaft zweier Mädchen - zu einem Zeitpunkt, als die Welt feindselig war, als diese Freundschaft nicht hätte sein dürfen. Ella und Harriet sind total unterschiedlich - die eine ein Einzelkind, in einer Villa aufgewachsen, die andere in einer vielköpfigen Familie mit lebendigem Familienleben - und deutlich ärmer. Und noch einen weiteren Unterschied gibt es: ein grosses Geheimnis, das Harriet nicht selbst lüften will.
Wir befinden uns im Jahr 1943 in Siebenbürgen, und man mag ahnen, wo die Geschichte hin geht. Aber der Sommer dieser Freundschaft ist so intensiv, so schön erzählt, die Figuren (auch die Nebenfiguren!) auf so eindrückliche Weise herausgearbeitet, die Beschreibungen sinnlich und greifbar, wie immer bei Iris Wolff - trotz aller Tragik, die das Buch natürlich atmet, machte es mich sehr, sehr glücklich.
Wer nur die neusten Bücher der Autorin gelesen hat: hier gibt es wirklich noch etwas zu entdecken!
AutorIn: Iris Wolff
Verlag: Otto Müller Salzburg

Aus dem Treppensturz und anschliessenden Krankenhausaufenthalt einer älteren Dame entwickelt Stewart O'Nan einen feinfühligen, leisen und unglaublich warmherzigen Roman. Im Zentrum steht der „Humpty Dumpty Club", eine kirchliche Gruppe älterer Frauen, die Besuche, Pflege, Fahrdienste und alles, was nötig ist organisieren, die sich gegenseitig unterstützen, auch miteinander das Leben feiern.
Im Zentrum stehen nicht die Alltagssorgen, die Corona-Pandemie oder die Todesfälle, sondern leise innere Verschiebungen bei den Protagonistinnen aus dem Club: Emilys Schlaflosigkeit, verschärft durch die herbstliche Zeitumstellung, wird zur Metapher für das Aus-dem-Takt-Geraten im Alter. Arlenes beginnende Demenz zeigt sich in kleinen Irritationen, in Momenten, die erst beiläufig wirken und dann doch erschrecken.
Susie tastet sich über eine Dating-App zurück ins Leben und in die Möglichkeit von Nähe.
O'Nan interessiert sich nicht für das Spektakuläre, sondern für die „kleinen Leute" und ihre stillen Kämpfe. Er schaut genau hin und urteilt nie über seine Figuren. Thomas Gunkels Übersetzung trägt diese feine Genauigkeit sehr schön.
Gleichzeitig ist der Roman klar in seiner Zeit verankert: Die Pandemie, gesellschaftliche Verunsicherung und der beginnende Trumpismus bilden einen Hintergrund, der das Private unmerklich einfärbt.
So entsteht ein leiser, atmosphärisch dichter Text über Freundschaft, Verlust und die tägliche Anstrengung, im Alter die eigene Würde zu bewahren. Ein unglaublich schöner Roman, den ich euch sehr gerne empfehle!
AutorIn: Stewart O'Nan
Verlag: Rowohlt
ÜbersetzerIn: Thomas Gunkel

Wir befinden uns in New York City, genauer gesagt in Brooklyn, in einem dieser schmalen roten Häuser mit der Treppe vor der Eingangstür. Dort lebt Arthur Opp, ehemaliger Literaturprofessor, der seine Wohnung seit zehn Jahren nicht mehr verlassen hat. In einer Metropole ist das möglich: Alles kommt per Internet, finanziell ist Arthur abgesichert. Was nach Freiheit klingt, entpuppt sich jedoch als Falle. Arthur wiegt 250 Kilo, meidet die Aussenwelt und hat sich vollständig zurückgezogen.
In Bewegung gerät sein Leben erst, als ihn ein Brief seiner ehemaligen Studentin und Freundin Charlene Turner erreicht. Sie bittet ihn, ihrem Sohn Kel bei den College-Bewerbungen zu helfen. Arthur freut sich, schämt sich aber zugleich, denn er hat Charlene vieles verschwiegen: dass er nicht mehr unterrichtet, keine sozialen Kontakte pflegt und dass der Briefwechsel mit ihr sein letzter Anker zur Welt ist. Auch Charlene allerdings hat in ihren Briefen nicht alles erzählt. Diese wechselseitigen Auslassungen setzen eine Entwicklung in Gang, die sich leise, aber nachhaltig entfaltet.
Der Roman wird aus drei Ebenen erzählt: aus Arthurs Perspektive, aus der seines Sohnes Kel und durch den Briefwechsel zwischen Arthur und Charlene. Die Kapitelstruktur verdichtet sich im Laufe der Handlung, der Perspektivwechsel wird schneller, der Sog stärker. Liz Moore erzählt flüssig, klar und mit grosser Figurenkenntnis. Arthur, Charlene und Kel sind gesellschaftliche Randfiguren, klassische Antihelden, denen man wünscht, dass sie es schaffen. Besonders berührend ist Arthurs langsame, vorsichtige Entwicklung, Schritt für Schritt, glaubwürdig und ohne Pathos. Ebenso überzeugend ist die Beziehung zwischen Charlene und Kel, geprägt von Wut, Sorge und Liebe, erzählt ohne Wertung.
Der andere Arthur ist kein schmales Buch, aber eines, das sich zügig liest. Es ist keine hohe Literatur, aber deutlich mehr als blosse Unterhaltung. Ein Roman mit emotionaler Tiefe, erzählerischem Zug und grosser Menschlichkeit.
AutorIn: Liz Moore
Verlag: C.H. Beck
ÜbersetzerIn: Cornelius Hartz

Es ist sehr lange her, dass ich dieses Buch gelesen habe, aber bestimmte Passagen, Szenen, Ortsbeschreibungen sind mir noch immer so präsent, als hätte ich es erst gestern zugeklappt. Wie auch immer Harry Mulisch das geschafft hat - „Die Entdeckung des Himmels" ist atmosphärisch so dicht, dass es sich einem auf die Haut legt.
Alles beginnt im Himmel - das mag verwirrlich sein, ist aber grossartig. Denn der liebe Gott will seine 10 Gebote zurückholen (weil mit den Menschen unzufrieden, er will die Verbindung kappen). Er ist allmächtig, im Sinne des was, aber nicht die des wie, sprich: er kann sie nicht einfach in den Himmel hexen, sondern muss es geschehen lassen - durch Menschen. Und um die geht es eigentlich: um eine Männerfreundschaft und um eine Frau - und um deren Kind Quinten, das „von oben her" zu Höherem bestimmt ist (weiss freilich niemand, hat aber mit dem oben beschriebenen Plan Gott zu tun) - von der Handlungsseite her. Thematisch stehen Freundschaft und Liebe, eigentlich alle zwischenmenschlichen Beziehungen im Zentrum. Der Roman umfasst eine fast dreissigjährige Zeitspanne, man darf die Figuren also sehr lange begleiten - gottseindank, denn es ist jede Seite des Lesens wert!
AutorIn: Harry Mulisch
Verlag: Rowohlt
ÜbersetzerIn: Martina den Hertog-Vogt

Der letzte Sommer der Tauben stammt von Abbas Khider, einem deutschen Autor mit irakischen Wurzeln, dessen Werk sich konsequent mit Flucht, Exil und der Zerstörung von Identität befasst. Khider wurde im Irak wegen politischer Aktivitäten inhaftiert und floh 1996, Erfahrungen, die sein Schreiben bis heute prägen. 2025 erhielt er den Berliner Literaturpreis; die Jury würdigte ihn als exemplarische Stimme eines Paradigmenwechsels in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.
Der Roman führt an jenen historischen Wendepunkt zurück, als der sogenannte Islamische Staat im Irak und in Syrien ausgerufen wurde. Erzählt wird aus der Perspektive des 14-jährigen Noah, eines Taubenzüchters, der sein Leben auf dem Dach des Familienhauses zwischen Käfigen und Flügen verbringt. Das Land bleibt unbenannt, doch die Zeichen der neuen Macht sind unmissverständlich. Khider zeigt, wie sich der Alltag radikal verändert: öffentliche Hinrichtungen, Verbote von Zigaretten und Handys, das Verschwinden von Frauen aus dem öffentlichen Raum.
Noahs Vater wird gezwungen, sein Kleidergeschäft den neuen religiösen Vorschriften zu unterwerfen, alles Weibliche muss verschwinden. Der Onkel Ali verliert sein Café, behält aber die Tauben, die ihn mit Noah verbinden. Diese Tauben stehen für alles, was nach und nach zerstört wird: Freiheit, soziale Bindung, Solidarität, die Orientierung am Schwächeren. Der Roman ist damit weniger eine klassische Erzählung als eine Parabel über totalitäre Herrschaft.
Was leicht platt wirken könnte, gewinnt bei Khider Tiefe durch kulturelle Verankerung und sprachliche Präzision. Im kleinen Kosmos eines Jugendlichen zeigt er, wie Staat, Recht und Religion ineinandergreifen und kein Entrinnen zulassen. Der letzte Sommer der Tauben ist ein sehr menschliches, fein ausbalanciertes Buch, das schmerzlich vor Augen führt, wie zerbrechlich Freiheit ist und wie privilegiert unser eigener Alltag.
AutorIn: Abbas Khider
Verlag: Hanser
Was für eine wilde Geschichte! Adam Andrusiers autobiographischer Roman hat mich schon auf den ersten Seiten kräftig zum Lachen gebracht. Es ist eine jüdische Familiengeschichte, eine tragische Liebesgeschichte (der Eltern), ein Roman übers Erwachsenwerden, über religiöse Traditionen, über besessene Sammler und über die Reise eines jungen Mannes zu sich selbst. Sehr unterhaltsam, Wechselbad der Gefühle inklusive.

Vaim ist der erste Roman von Jon Fosse nach der Verleihung des Literaturnobelpreises, und zugleich eine vergleichsweise irdische, beinahe heitere Variation seines Schreibens. Im Zentrum steht eine Dreieckskonstellation, die sich eigentlich um eine einzige Figur dreht: Eline, eine doch recht entschiedene Frau, die das Leben von drei Männern massgeblich beeinflusst. Erzählt wird aus den drei Ich-Perspektiven dieser Männer, wodurch sich die Geschichte nach und nach entblättert. Da Eline selbst aber nie eine Stimme bekommt, sondern wir sie immer durch den Blick eines anderen sehen, wird sie als Figur nicht greifbar - im Gegensatz zu den drei männlichen Protagonisten, in deren Kopf wir hineinschauen dürfen. Die ungewöhnliche Perspektivwahl macht sichtbar, wie sehr Begehren, Freundschaft und Loyalität voneinander abgleiten können.
Fosses Sprache ist unverkennbar: endlose, strudelartige Sätze, Wiederholungen, gedankliche Schleifen, die weniger vorantreiben als vertiefen. Es ist wirklich das Abbild eines Gedankenflusses! Die karge, rhythmische Prosa wirkt an vielen stellen überraschend licht, stellenweise ausgesprochen komisch, vor allem dann, wenn die knappen Dialoge in den Gedankenstrom hineinragen. Insbesondere diese Dialoge werden getragen von einem trockenen Humor. Die Handlung verweigert sich jeder klaren Dramaturgie und erzählt stattdessen von Irrungen, Missverständnissen und kleinen Verschiebungen im Gefüge menschlicher Beziehungen.
Vaim erzählt schlicht - und gerade darin meisterhaft - von Menschen, die einander lieben, verlieren, beobachten und nie ganz verstehen. Wer ein leichtes, kurzes Buch eines Nobelpreisträgers lesen möchte, das einen mit seiner schönen Sprache in den Bann zieht, ist hier genau richtig!
AutorIn: Jon Fosse
Verlag: Rowohlt
ÜbersetzerIn: Hinrich Schmidt-Henkel

Peter Stamms lakonische Art von grossen Themen und Gefühlen zu erzählen, mag ich sehr gerne. Drama gibt es im Leben des Protagonisten genug - er drückt sich vor einer (vermutlich schlimmen) Diagnose, verkauft seine Wohnung, kündet den Job, ändert sein ganzes Leben - als ob es ohnehin bald vorbei wäre, oder als ob er eine zweite Chance geschenkt bekäme. Dieses Drama spiegelt sich aber nicht in der Sprache wieder, es wird unaufgeregt erzählt, und gerade der dadurch entstehende Freiraum lädt die Leserin ein, sich in die Geschichte fallenzulassen.
AutorIn: Peter Stamm
Verlag: S. Fischer

Ein eindringlicher und kluger Roman über Erinnerung, Verantwortung und lange verdrängte Geschichten. BBC-Moderatorin Gwen recherchiert über englische Frauen, die im Zweiten Weltkrieg für die SOE (Special Operations Executive) im Einsatz waren, sich dort als Französinnen ausgaben, die Resistance unterstützen, Sabotageakte auf deutsche Kommunikation oder Verkehrsanlagen verübten, nach London funkten, töteten. Nach dem Krieg wurden sie vollkommen vergessen - auch, weil sie per Vertrag nicht über ihre Einsätze sprechen durften. Die Männer wurden geehrt, und die Frauen? Die dachten „Das Leben kommt noch", daher auch der Titel des Romans. Im Zentrum der Recherchen steht Pat, deren Schweigen Jahrzehnte überdauerte, auch, weil sie immer wieder reflektiert, ob sie Schuld auf sich geladen und ihrer Schwester Schaden zugefügt hat. Der weibliche Widerstand während der deutschen Besatzung Frankreichs wurde von Sandmann aufs gründlichste recherchiert und in einen packenden und überzeugenden Roman verpackt.
Das Buch zeigt eindrücklich, wie Geschichte nicht nur in Archiven, sondern in Körpern, Erinnerungen und Schuldgefühlen weiterlebt. Besonders stark ist, wie Sandmann die moralischen Dilemmata ihrer Figuren auslotet, ohne sie zu vereinfachen oder zu heroisieren. Die verschiedenen Erzählperspektiven und Zeitebenen verdichten sich zu einem spannungsreichen Geflecht.
Ein Schmöker und literarische Erinnerungskultur gleichzeitig. Es ist richtig und wichtig, dass Sandmann die bis heute übersehenen Frauen des Widerstands sichtbar macht. Danke für diesen tollen „Schlotzer" - ich konnte das Buch nicht aus der Hand legen!
AutorIn: Elisabeth Sandmann
Verlag: Piper

Laura Willowes fühlt sich nach dem Tod ihres Vaters im Jahr 1902 wie ein Stück Familienbesitz, das im Testament vergessen wurde. Für ihre Familie ist klar, dass sie entweder im Haushalt des einen oder im Haushalt des anderen Bruders aufgehen wird. Sie fügt sich diesem Gedanken, sie hat selbst keine andere Idee. Es dauert lange, bis sie erkennt, dass sie die Möglichkeit, das Recht gar, hat, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen, alleine zu leben. Doch kaum ist sie - mit knapp 50 Jahren - aus ihrem Goldkäfig ausgebrochen, eilt die Familie ihr hinterher und drängt ihr die Rolle der „Tante Lolly" wieder auf. Sie ist verzweifelt in ihrer scheinbar ausweglosen Lage - und fleht höhere Mächte um Hilfe an. So geht sie einen Pakt mit dem Teufel (hier „der liebevolle Jägersmann") ein. Die Schlussrede der Autorin durch den Mund Lauras, weshalb Frauen des Teufels bedürfen, um frei sein zu dürfen, ist ein Meisterwerkt. In Anbetracht der Tatsache, dass die Bande familiärer Verpflichtungen auch 100 Jahre später noch enger um Frauen gewunden sind, als um Männer, ist das Buch inhaltlich immer noch aktuell. Townsend Warners Sprache macht zudem grossen Spass - ein grosses Lesevergnügen!
AutorIn: Silvia Townsend Warner
Verlag: Dörlemann
ÜbersetzerIn: Ann Anders

Manchmal reicht ein Haus, ein Garten voller Gladiolen und ein Kind, das alles hinterfragt, um die ganze Welt zu entdecken. In "Fantast" lässt Pius Strassmann uns durch die Augen eines kleinen Helden die grossen und kleinen Rätsel des Lebens neu sehen. Das Buch zieht uns unversehens in die Denkeart eines Kindes hinein und begeistert mit poetischer Sprache, Humor und originellen Figuren. Ein wirklich sehr schönes Leseerlebnis!
Zentral ist das zarte, berührende Verhältnis zwischen dem Kind und seiner Grossmutter: zwei Generationen, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und dennoch eine tiefe Zuneigung verbindet. Strassmanns poetische, leicht schelmische Sprache lässt die Leser"innen das Leben aus der Perspektive eines Neugierigen erleben - voller Freude, Wärme und Entdeckungen. Die Figuren sind originell, liebenswert und überraschend, und der Roman ist ein stilles, humorvolles Abenteuer über Generationen, Verständnis und das Glück des kleinen Alltags. Ein wirklich sehr schönes Buch!
AutorIn: Pius Strassmann
Verlag: Edition Bücherlese

Ein herrlicher Roman, man kann ihn an einem Stück hinunterschlingen! Wer hat sich schon einmal überlegt, wie es war, als es noch keine grossen Warenhäuser gab? Als alles im kleinen Detailhandel zu erwerben war? Und wie es für den kleinen Detailhandel war, als die Warenhäuser eröffneten? Darum geht es (auch) in diesem Buch - „Das Paradies der Damen" ist nämlich eines der grössten Pariser Warenhäuser, vor dem der Einzelhandelt regelrecht zittert.
Denise, die Protagonistin, kommt vom Land nach Paris, um bei ihrem Onkel (im Einzelhandel) zu arbeiten. Gegenüber ist „Das Paradies der Damen", was für sie gleichermassen erschreckend als auch faszinierend ist. Zola gelingt es, den Niedergang der kleinen Läden, die Umstrukturierung des gesamten Viertes zu erzählen und gleichzeitig die Moderne, den Fortschritt zu feiern. Keine Ahnung, wie ihm das gelingt!
Alle Romanfiguren sind in Verbindung mit dem Kaufhaus, aber im Zentrums steht Denise - die in einer besonderen Verbindung mit dem Direktor des Kaufhauses steht. Eine herrlich süffige Geschichte, verfasst in wunderbarere Sprache!
AutorIn: Emile Zola
Verlag: Ebersbach und Simon
ÜbersetzerIn: Hilda Westphal

Gaea Schoeters wählt für Das Geschenk ein ebenso simples wie geniales Gedankenexperiment: 20 000 Elefanten werden aus Botswana nach Deutschland geschickt - als politische Antwort auf ein europäisches Jagdtrophäenverbot. Aus dieser bewusst überdehnten Prämisse entwickelt sie eine Satire, die nie ins Alberne kippt, sondern gerade durch ihre Klarheit und formale Strenge überzeugt. Schoeters' Sprache ist schnörkellos, kühl, präzise; sie beobachtet, benennt, spitzt zu, ohne je den moralischen Zeigefinger zu heben.
Der Roman zeigt Politik als permanentes Krisenmanagement zwischen föderalem Kompetenzgerangel, medialer Emotionalisierung und populistischer Vereinfachung. Ministerien werden gegründet, Quoten verteilt, Narrative in Stellung gebracht, während die Elefanten stoisch durch Berlin ziehen und all das offenlegen, was längst brüchig ist: Verantwortungsdiffusion, symbolische Politik, das Bedürfnis nach einfachen Antworten. Besonders stark ist Schoeters dort, wo sie das deutsche Selbstbild seziert: die Bereitschaft zur Empörung, zur Rührseligkeit, zur Projektion - solange die Konsequenzen nicht zu konkret werden.
Je weiter der Text voranschreitet, desto deutlicher kippt die Komödie ins Dystopische. Die Elefanten werden weniger zu Figuren als zu Prüfsteinen eines Systems, das an seinen eigenen Widersprüchen scheitert. Dass sie dabei unübersehbar auch als Chiffre für Flucht, Migration und globale Verantwortung lesbar sind, macht der Roman nie platt, sondern zwingend. Das Geschenk ist klug, böse, hochaktuell und gerade in seiner sprachlichen Disziplin von bestechender Schärfe.
AutorIn: Gaea Schoeters
Verlag: Zsolnay
ÜbersetzerIn: Lisa Mensing

Was draufsteht ist auch drin: «Eine ungemein eigensinnige Auswahl unbekannter Wortschönheiten aus dem Grimmschen Wörterbuch». Wortschönheiten, schon allein dafür mag man das Buch doch gern haben. Der Herausgeber hat sich durch die 32 (!) Bände des Grimmschen Wörterbuchs gewühlt, unfassbar viele Einträge. Uns hat er hier eine Auswahl an den schönsten zusammengestellt. Da ist freilich subjektiv, aber ich bin ihm doch sehr dankbar, dass er diese Mammutaufgabe für uns übernommen hat! Bei einigen Worten braucht man die Erläuterungen nicht, bei einigen kann man erstmal raten (funktioniert auch gut in Gesellschaft). Gesamtfazit: Dieses Buch macht einfach Spass!
AutorIn: Peter Graf (Hg)
Verlag: Das kulturelle Gedächtnis

Wer denkt, dass sich Würde und Witz im Alter ausschliessen, wird von Alan Bennett eines besseren belehrt: Seine Altersheim-Komödie ist ein wunderbar respektloses, warmherziges Durcheinander voller rebellischer Senior*innen, verschwundener Perücken und unerwarteter Freiheiten. Zwischen trockenem Sherry, Flamingo-Ausflügen und pandemischer Überforderung entsteht ein Text, der mit leichter Hand über Einsamkeit, Begehren, Vergänglichkeit und die Sehnsucht nach Selbstbestimmung spricht.
Bennett schaut liebevoll auf das Chaos des Alters, ohne es zu beschönigen; gerade deshalb wirkt diese rasante, kluge Komödie so entwaffnend menschlich.
Ich habe dieses Buch, das eigentlich fast als längere Erzählung durchgehen könnte, sehr gerne gelesen, auch wenn ich mit dem zweiten Teil nicht ganz zurecht gekommen bin, es sind Bennettes private Aufzeichnungen aus einem Corona-Tagebuch. Das mag aber einfach daran liegen, dass ich vom Thema Corona immer noch restlos übersättigt bin.
AutorIn: Alan Bennett
Verlag: Wagenbach
ÜbersetzerIn: Ingo Herzke

Anna Katharina Hahns Roman «Kürzere Tage» ist ein kleines Kunstwerk. Im Zentrum stehen eine Handvoll Bewohnerinnen und Bewohner einer Strasse in Stuttgart, deren Lebensgeschichten mehr oder weniger verzweigt sind - es handelt sich um keine homogene Gruppe, sondern wirklich um einen Querschnitt (die ehemalige Partyqueen, die jetzt mit ihren Kindern die Rudolf Steiner Methoden verwirklicht, das alte Ehepaar, das sich schweigend den Unbillen des Alters stellt, das moderne Paar, beide berufstätig, wobei ihr Gehalt nichtmal für die Miete der gemeinsamen Wohnung reichen würde) etc. All diese Figuren haben eine Vergangenheit, die sie nicht unbedingt einholt, aber doch extrem prägt. Hahn schaut genau hin (macht sie immer), das Bemerkenswerteste an dieser Schriftstellerin ist in meinen Augen, dass sie einem immer wieder Dinge aufzeigt, von denen man das Gefühl hat: «das hätte ich doch auch sehen können, wenn ich nur gut genug hingeschaut hätte!» Absolut grossartig.
AutorIn: Anna Katharina Hahn
Verlag: Suhrkamp

Ich ging mit dem Buch in die Badewanne, erst auf Seite 200 kam ich wieder raus. So viel zur Sogwirkung und zum cosy-Faktor des Lese-Erlebnisses!
Manchmal beginnt eine grosse Geschichte mit einem einzigen falschen Schritt - oder mit einem Paar zu schöner Schuhe. Lita und ihre Mutter Fabiola werden von einem Sturm aus Entscheidungen, Glück und Chaos über eine halbe Weltinsel getragen, bis sie auf einer windumtosten Insel vor Neufundland landen. Dort entfaltet sich ein Kosmos voller Eigenheiten, Freundschaften und leiser Sehnsüchte. Und natürlich spielt das Kino eine riesengrosse Rolle!
Ein buntes, berührendes Geflecht aus Flucht und Ankunft, aus Hoffnung und Gemeinschaft. Für mich war es ein Schlotzer. Super Buch für dunkle Tage!
AutorIn: Annette Bjergfeldt
Verlag: Harper Collins
ÜbersetzerIn: Dagmar Missfeldt

Ein wirklich wunderbar gestaltetes Buch - leicht gepolstert (wie ein Kopfkissen eben), in wunderschön bedruckte, feinen Stoff gebunden. So ist man schon eingestellt auf „Kostbarkeiten" und diese begegnen einem auch im Innerne. Es sind die über tausendjährigen Aufzeichnungen einer Hofdame der Kaiserin von China, die über grosse politische Ereignisse, aber auch über Banalitäten und Zwischenmenschliches schreibt. Wer einen Einblick in chinesische Geschichte erhalten und sich ein unfasbar schönes Buch zutun möchte, ist hier genau richtig.
AutorIn: Sei Shonagon
Verlag: Manesse
ÜbersetzerIn: Michael Stein

Irene Solà lässt mich immer wieder staunen - weil sie Geschichten schreibt, die sich der Wirklichkeit verweigern und sie zugleich präziser treffen als jeder realistische Roman. Auch in "Ich hab dir Augen, und du blicktest in die Finsternis" wagt sie wieder genau das: feministische Mythologie, magischen Realismus, eine bildmächtige Sprache, die scheinbar aus alten Zeiten herüberweht aber mitten in unsere Gegenwart zielt.
In einem abgelegenen Haus in den Pyrenäen versammeln sich alle Frauen der Familie am Todestag der uralten Bernadeta. Lebende und Tote, Schwestern und Ahninnen, Wesen aus Fleisch und Wesen aus Erinnerung: ein munteres Durcheinander, das sich erst beim Lesen langsam entschlüsselt. Ob das, wie der Verlag schreibt, ein "Hexensabbat" ist? Ich bin mir nicht sicher - und gerade das liebe ich daran. Solà interessiert sich weniger für Etiketten als für die Räume dazwischen: für die dünne Haut zwischen Leben und Tod, für Folklore, die in der Tradition wurzelt und doch etwas über uns Heutige erzählt. Mir sagt das Buch: Wir sind vielleicht nicht von Geistern umgeben - aber garantiert von Geschichten, die wir längst vergessen haben.
Die Legende beginnt mit Joana, die einen Handel mit dem Teufel eingeht. Ein fehlender Zeh, ein fehlender Finger, kleine körperliche Makel, die sich durch die Generationen vererben - als Erinnerung daran, dass ein einziger Schwur reicht, um ein Leben zu verschieben. Solà erzählt das derb, rätselhaft, bildgewaltig. Aberglaube, bäuerliche Härte, weibliche Verbundenheit: alles fliesst ineinander, als würden die Grenze zwischen Mythos und Realität nicht existieren.
Und ja - "Singe ich, dann tanzen die Berge" (ihr letztes Buch) hat mich noch tiefer getroffen. Vielleicht weil es mein erstes Buch von Solà war. Vielleicht weil man unwillkürlich misst, vergleicht, Erwartungen schraubt. Aber das ändert nichts daran, wie besonders dieses neue Buch ist: ein wilder, unerhört eigenständiger Roman über weibliche Selbstbehauptung, über das Erzählen als Widerstand, über die Spuren, die wir in unserer Familie und in unserer Landschaft hinterlassen.
Eine definitive Lese-Empfehlung!
AutorIn: Irene Solà
Verlag: S. Fischer
ÜbersetzerIn: Petra Zickmann

Ich hatte keine Ahnung von der Militärdiktatur in Argentinien Ende der 70er Jahre und habe nun zufällig durch die Lektüre dieses spannenden und - das sei vorweg genommen - sehr empfehlenswerten Romans darüber erfahren.
Die Kinder von Regime-Gegnern wurden diesen weggenommen, und regimetreueren Genossen als «adoptierte» Kinder überlassen. Was das macht mit den Kindern (die es irgendwann spüren) und den beraubten Eltern, aber auch den «frischgebackenen» Elter - man will es sich nicht vorstellen.
Wir erfahren schon ganz zu Beginn, das die Protagonistin ihren Vater (den echten) wirklich kennenlernt. Das Spannende ist aber, wie nun beide Geschichten aufgerollt werden, seine und ihre. Und natürlich, wie sie sich annähern. Mich hat der Roman total gepackt, teilweise extrem harte Kost, aber es lohnt sich, dran zu bleiben!
AutorIn: Elsa Osorio
Verlag: Suhrkamp
ÜbersetzerIn: Christiane Barckhausen-Canale

Vielleicht beginnt Veränderung genau in dem Moment, in dem man aufhört, sich zu fragen, wie alt man eigentlich ist - und stattdessen wieder fragt, wie man leben will? «Damentour», die Fortsetzung von «Damenprogramm», erzählt von fünf Frauen im Tessin, die genau das tun: leben. Und zwar klüger, ungeschönter und überraschender, als sie selbst es erwartet hätten.
Was mich an diesem Roman besonders berührt hat: Das Älterwerden ist zwar schon ein Thema, aber längst nicht das wichtigste. Je länger die Frauen miteinander im Sommerhaus verbringen, desto deutlicher spüren sie, dass das Leben selbst viel mehr Raum verlangt als die Klischees, die man älteren Frauen gern zuschreibt. Nach und nach verabschieden sie Mythen, Rollenbilder, Erwartungen. Stattdessen widmen sie sich Dingen, die sie schon immer angehen wollten - oder solchen, die sie sich nie zugetraut haben. Und in diesem prüfenden Blick zurück sind sie oft selbst erstaunt über das, was sie entdecken, nicht zuletzt auch in Bezug auf die eigenen Bedürfnisse.
Wie behutsam Theres Roth-Hunkeler diese Entwicklung erzählt, mochte ich sehr. Es ist ein Buch des langsamen, manchmal stockenden Sich-Erzählens aus unterschiedlichen Perspektiven, des Schweigens und Verschweigens, des Fragen und Zuhörens. Aus dieser Mischung entsteht etwas, das vielleicht die Essenz von Freundschaft ist: ein Raum, in dem man sich zumutet und zugleich gegenseitig hält. Natürlich bleiben Konflikte nicht aus - aber gerade sie lassen die Frauen einander und sich selbst schärfer sehen.
Am Ende dieser drei Monate im Tessin ist vieles nicht mehr wie zuvor. Und man legt das Buch aus der Hand mit dem Gefühl, dass Veränderung nicht nur möglich ist, sondern unerwartet leicht, wenn man sie gemeinsam trägt.
AutorIn: Theres Roth-Hunkeler
Verlag: Edition Bücherlese

Very british! Ein herrlicher Roman (der sich dann zum Krimi entwickelt) um eine englische Familiengeschichte, bzw. Liebesgeschichte. Einer Frau (nämlich „Die Frau in Weiss") wurde die Identität entwendet (wie, ist eine Geschichte für sich, es geht um Geld), der Protagonist (vom Liebespaar) möchte ihr die Identität zurückholen (um seine Geliebte, die mit dem Gauner, der die Identität geklaut hat )(ein Heiratsschwindler), selberheiraten zu können). Man merkt schon: es gibt seeeeehr viele Irrungen und Wirrungen. Und die gruselige „Frau in Weiss" ist nicht halb so gruselig, wie in modernen Thrillern, was mir sehr entgegen kommt.
Die Erzählperspektive trägt extrem zum Tempo bei, denn es berichtet nicht ein Kommissar, sondern die Protagonisten selbst. Es ist ein dicker Schinken, der aber sehr, sehr viel Spass macht!
AutorIn: Wilkie Collins
Verlag: Deutscher Bücherbund
ÜbersetzerIn: Arno Schmidt

Ein Buch, das weh tut, weil es so ehrlich ist. In «10 Bilder einer Liebe» erzählt Hannes Köhler von einem Paar, das in einer Krise steckt. Die Beziehung der beiden wird in zehn Szenen erzählt, jede doppelt: einmal aus seiner, einmal aus ihrer Perspektive. Fünf davon spielen im Jahr 2023 und bilden die Gegenwartsebene, die übrigen führen zurück zu den prägenden Momenten ihres gemeinsamen Lebens - dem Kennenlernen, dem Zusammenziehen, dem Tod der Eltern.
Der Knackpunkt liegt in der Gegenwartsebene: sein Kinderwunsch und die daraus resultierenden, immens belastenden Behandlungen für sie. Man fragt sich: schaffen sie es? Und wünscht es sich so so sehr.
Aus diesen 10 Bildern entsteht ein Mosaik, das viel erzählt, aber auch viel offenlässt - für Gedanken, Erinnerungen, Zweifel der Lesenden. Das schätze ich, sehr, dass nicht alles einfach auserzählt wird. Es geht um Nähe und Entfernung, um Sprache und Schweigen. Köhler schreibt mit einer Genauigkeit, die wehtut, weil sie das Unspektakuläre ernst nimmt: das Altern, die Müdigkeit, das Glück, das keiner merkt, solange es da ist. Mich hat besonders berührt, wie unpathetisch und zugleich tief empfunden dieser Roman ist. Trotz der grossen Themen kein grosses Drama, kein Kitsch - sondern ein leises Staunen darüber, dass Zuneigung etwas ist, das sich über ein Leben hinweg verändert und trotzdem bleibt.
AutorIn: Hannes Köhler
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt

Das Cover sieht fast schon romantisch aus, der Titel könnte eine heile-Welt-Italien-Ferienurlaub-Geschichte versprechen, aber nur denjenigen, die nicht wissen, dass «Bella Ciao» eigentlich ein Partisanenlied ist, ein Lied aus dem Widerstand mit einem sehr sehr harten Text.
Das Buch ist spannend und schonungslos, es packt einen quasi an der Gurgel und schleift einen in einem irrsinnigen Tempo quer durch die gesamte Handlung (ich zumindest konnte es nicht langsam lesen, dafür war es viel zu spannend). Die Ausgangslage sind zwei arme Mädchen in Italien, im Piemont, die um 1890 herum geboren wurden, gemeinsam als Kinderarbeiter in einer Seidenspinnerei arbeiten, Entbehrungen und Hunger gewöhnt sind. Eine von beiden, Giulia, verlobt sich, die andere, Anita, verliebt sich in den Verlobten, woraufhin Giulia spurlos verschwindet. Von nun an werden beide Lebensgeschichten erzählt, Giulia, die den American Dream lebt, Anita, die in Borgo di Dentro zwei Weltkriege mitmacht, den Faschismus erlebt, den Partisanenkampf mitmacht, ihren Mann verliebt.
1946 kommt Giulia als gemachte Frau zurück in das Städtchen ihrer Kindheit. Ihr Sohn, der noch immer nicht weiss, wer sein Vater ist, jedoch eine leise Ahnung hat, hat sie dazu überredet. Die beiden Frauen treffen wieder aufeinander, nach so vielen Jahren. Giulia hat noch eine Rechnung offen mit Anita, die ihr damals den Verlobten ausgespannt hatte. Wie wird das Zusammentreffen verlaufen?
Raffala Romagnolo hat ein beeindruckendes Buch geschrieben: gefühlvoll, ohne kitschig zu sein, gut recherchiert, ohne trocken zu sein, spannend, ohne hetzend zu sein.
AutorIn: Raffaella Romagnolo
Verlag: Diogenes
ÜbersetzerIn: Maja Pflug

Irgendwas ist passiert im Weltall, und schwupp, wird es auf der Erde recht dunkel und kalt. Das ist die Ausgangslage des Romanes, der extrem gut aufzeigt, wie asozial Menschen werden können, wenn die dünne Decke der Zivilisation zerreisst, wir auf uns selbst gestellt sind und es ums nackte Überleben geht.
Wenn wir jetzt mal davon absehen, dass unsere Atomkraftwerke ohne Elektrik und Kühlung binnen 48 Stunden in die Luft gehen würden ist das ein ziemlich realistisches Szenario, vor allem was die Verhaltensweisen der Menschen angeht. Als im Frühjahr der Run auf Klopapier und Nudeln los ging, weil der Lockdwon eingeläutet wurde (bei geöffneten und gefüllten Supermärkten!), habe ich sehr oft an dieses Buch denken müssen.
AutorIn: Susan Beth Pfeffer
Verlag: Carlsen
ÜbersetzerIn: Annette von der Weppen

Uff und wow. Das wäre die ultra-kurz-Rezension zu «Sommerschatten».
Spät im Leben nochmals lieben. Und das heisst natürlich: Nochmals hoffen. Nochmals bangen. Unfassbar verletzlich sein und unfassbar ängstlich.
Der Erzähler wird auf dem Rückweg in seine Rebhütte von einem Anruf getroffen, der alles verändert: Seine Partnerin Ina ist beim Tauchen verunglückt und liegt im künstlichen Koma. Während er an ihrem Bett wacht, erinnert er sich an ihr gemeinsames Leben - an das vorsichtige Kennenlernen, an die geteilten Wege, an Momente voller Nähe und Leichtigkeit. Sein Erzählen wird zur Überlebensstrategie gegen das drohende Verschwinden.
Ina, die so vital, neugierig und voller Lebenslust ist, trägt zugleich einen tiefen Überdruss in sich - eine Ahnung vom «endgültigen Abtauchen». Der Erzähler wiederum ist Krebspatient im Aufbruch zurück ins Leben. Faes verwebt ihre Lebensgeschichten mit grosser Einfühlsamkeit und einem präzisen Gespür für Zwischentöne.
Er erzählt nicht chronologisch, sondern mosaikartig - Erinnerungsbilder setzen sich zu einer Liebesgeschichte zusammen, die genauso sehr von Gegenwart wie von Vergänglichkeit handelt. Und während Ina schweigt, wird seine Perspektive zum Raum, in dem Liebe, Verlust und Erinnerung miteinander ringen.
«Sommerschatten» ist ein leiser, intensiver Roman über späte Liebe, Krankheit und die Macht des Erinnerns - getragen von einer musikalischen, fast altmodisch schönen Sprache, wie man sie kaum noch findet. Ein unglaublich schönes Buch, das ich Euch sehr gerne ans Herz legen möchte!
AutorIn: Urs Faes
Verlag: Suhrkamp

Ein Klassiker unter den Jugendbüchern, auch wenn das Buch schon so alt ist. Reinhold Ziegler ist hier eines jener bittersüssen Bücher gelungen, das einem Heranwachsenden die Vielschichtigkeit und Widersprüchlichkeit der Welt aufzeigen kann, ohne darauf zu verzichten, auch die Schönehit darzustellen. Ein junger Lehrer kommt von der Stadt aufs Land, mit einer idyllischen Vorstellung im Kopf, die natürlich keineswegs der Realität entspricht. Er scheitert auf verschiedenen Ebenen, aber die Geschichte nimmt immer wieder Fahrt auf und verhandelt dermassen viele Themen, dass einem ganz schummerig wird. Hier endet nichts, wie man es vermuten würde in dieser rasanten, sehr intensiv erzählten Geschichte.
AutorIn: Reinhold Ziegler
Verlag: Beltz und Gelberg

Dieses Buch hat mich gleich doppelt gepackt: als Leserin und als Moderatorin der bevorstehenden Vernissage 👉save the date: Freitag, 31. Oktober, Buchhandlung Haupt Bern!
Thomas Röthlisberger erzählt in seinem neuen Buch die Geschichte von Margret Bergmann, die Anfang des letzten Jahrhunderts im Emmental aufwächst und in die Welt der Schneiderei hineinwächst. In der Werkstatt ihres Lehrmeisters wird sie Opfer eines sexuellen Übergriffs - ein Erlebnis, das ihr Leben tief prägt. Ihre Familie setzt sich für sie ein und erhandelt einen Ausgleich - dann soll aber geschwiegen werden. Margret versucht, in der Westschweiz und später in Paris ein selbstbestimmtes Leben aufzubauen, abseits vom fast physisch greifbaren Schweigen in der Familie. Ihre Leidenschaft für Stoffe tragen sie ebenso wie ihre sanfte Beharrlichkeit, in einer Zeit für Unabhängigkeit zu kämpfen, in der Frauen kaum eigene Wege gehen konnten.
Röthlisberger schildert eindringlich, wie Traumata über Jahrzehnte nachhallen und wie eine Frau leise für ihre Selbstbestimmung kämpft - und auch immer wieder für Hosen für die Frau.
Ich bin Thomas Röthlisberger erstmals begegnet, als ich kurz vor der Pandemie die Programmleitung der Literaturtage Zofingen übernahm. Er war einer der Gäste meiner ersten Festivalausgabe, und seitdem lese ich alles, was er schreibt. Umso schöner, dass ich nun in Bern die Vernissage seines neuen Romans moderieren darf.
AutorIn: Thomas Röthlisberger
Verlag: Edition Bücherlese

Wer wusste, dass im Thurgau die ersten Nudelfabriken der Schweiz standen? Und dass die Nudel am Anfang ihrer Karriere ein wirklich verpöntes Lebensmittel war? Wer weiss, wer die Nudel in die Ostschweiz gebracht hat? Denn: Die Italiener waren es nicht - die Nudel kam aus dem Osten!
Das ist jetzt natürlich nur ein Aufhänger, denn es geht in diesem Roman nicht um die Nudel, sondern eigentlich um Migration - und um eine persönliche Familiengeschichte über mehrere Generationen (3 Erzählebenen). Der Roman ist bevölkert von mutigen Frauen, deren Geschichten oft betroffen machen. Diese Geschichten basieren auf Recherchen über gesellschaftliche Entwicklungen in der Ostschweiz und Osteuropa, geben aber viel Einblick in die gut gezeichneten Persönlichkeiten, wobei mir die historischen Erzählstränge besser gefallen haben als die zeitgenössischen. Empfehlen möchte ich das Buch dennoch!
AutorIn: Johanna Lier
Verlag: Verlag die brotsuppe

Ach, herrlich! Da findet einer ein Manuskript in einer Nachttischschublade, gibt es seiner Herzensdame, um sie zu beeindrucken, diese gibt es einem Verlag, der vermeintliche Dichter wird berühmt und kann die Lüge nicht mehr ungeschehen machen. Grossartig, wie aus einer einzigen Lüge eine ganze Flut wird und wie unser heissgeliebter Literaturbetreib nebenher aufs Korn genommen wird. Ich fand Lila, Lila sehr unterhaltsam und definitiv eines der besseren Suter-Bücher.
AutorIn: Martin Suter
Verlag: Diogenes

Wow. Emotional war ich schon auf der ersten Seite tief in der Geschichte drin - und blieb es bis zur letzten Seite. Der Roman ruft ein weitgehend verdrängtes Kapitel der irakisch-jüdischen Geschichte in Erinnerung und spannt dabei den Bogen von Bagdad nach Zürich.
Gadi lebt als Dozent in Zürich, als ihn der Tod seines Vaters zurück nach Israel führt. Über 30 Jahre hatten sie keinen Kontakt. In einer Tasche mit Tagebüchern entdeckt Gadi ein verdrängtes Kapitel der Familiengeschichte - und der Geschichte des Irak: die nahezu komplette Vertreibung der dort seit Jahrtausenden lebenden jüdischen Bevölkerung unter dem Einfluss der Nationalsozialisten in den dreissiger Jahren. Trotz innerer Widerstände folgt er dem letzten Wunsch seines Vaters und reist mit der Urne nach Bagdad.
Usama Al Shahmani erzählt in klarer, präziser Sprache und trotzdem poetisch, wie in all seinen Büchern, von Heimat, Verlust, Erinnerung und Versöhnung. Er zeigt, wie sehr Herkunft, Erinnerung und politische Umbrüche ineinandergreifen - und wie sich Geschichte in Familien einschreibt.
Mich hat das Buch sofort gepackt. Es muss viel Recherche darin stecken, denn Al Shahmani vermittelt enorm viel Wissen. Dabei wirkt er aber zu keinem Zeitpunkt belehrend. Die historischen Fakten sind kunstvoll in die Familiengeschichte eingewoben - durch die Tagebuchaufzeichnungen des verstorbenen Vaters werden sowohl die Vergangenheit des Landes als auch die widersprüchliche Figur des Vaters greifbar. Ein Buch, das mir einmal mehr deutlich macht, wie wenig ich über die Geschichte des Nahen Ostens weiss.
AutorIn: Usama Al Shahmani
Verlag: Limmat

Was heisst es, schuldig zu sein? Carlos liegt im Sterben und blickt zurück auf ein Leben voller Kompromisse und falscher Loyalitäten. Er war Mitläufer in Zeiten politischer Gewalt auf den Philippinen, ein Kollaborateur, dessen Familie bis heute in seinen Lügen gefangen ist.
Katrina Tuvera erzählt diese Geschichte eindringlich aus verschiedenen Perspektiven - und zeigt, wie schwierig Urteile sind, wenn Menschen in Krisenzeiten Entscheidungen treffen müssen. Die Kollaborateure ist nicht nur ein historischer Roman über die Diktatur unter Marcos, sondern auch eine zeitlose Studie über Macht, Schuld und Mitverantwortung.
Mich hat besonders überzeugt, wie flüssig sich das Buch liest - auch ohne Vorwissen über die Philippinen. Man findet sofort in die Zusammenhänge hinein, weil es eben nicht nur ein politischer Roman ist, sondern zugleich eine Familiengeschichte. Die Dynamiken zwischen Eheleuten, Eltern und Kindern öffnen die Erzählung emotional und machen sie unmittelbar nachvollziehbar.
Ein Buch, das uns unweigerlich fragen lässt: Wo hätten wir selbst gestanden? Und uns klarmacht, dass wir kein Recht haben, zu urteilen.
AutorIn: Katrina Tuvera
Verlag: Wagenbach
ÜbersetzerIn: Jan Karsten

Anna wächst Ende des 19. Jahrhunderts im Emmental auf, in einer Zeit, in der es für eine Frau undenkbar war, einen Heiratsantrag einer «guten Partie» abzulehnen - ohne den eigenen Namen und den der Eltern aufs Spiel zu setzen. Ihr Weg scheint vorgezeichnet: die Liebe zu Paul, ein Platz als Köchin in der Krone von Zäziwil. Doch ein Schicksalsschlag wirft alles um - mit nur 25 Jahren wird sie durch eben einen solchen Heiratsantrag zur Mutter von acht Kindern, Ehefrau des Wirts und Gastgeberin wider Willen.
Mich hat berührt, wie Anna sich in ein Leben fügt, das nicht ihr eigenes war, und dennoch Stärke, Glück und Halt findet. Jahrzehnte später bekommt sie sogar die Chance, noch einmal ihrem Herzen zu folgen - bis ans andere Ende der Welt, sie wandert auf die Philippinen aus.
Das Besondere: Diese Geschichte ist wahr, zumindest im Kern, und wird von Annas Ur-Urenkelin erzählt, auf Basis von Dokumenten und Zeitzeugen. Dadurch liest sich der Roman nicht nur leicht und flüssig, sondern trägt auch das Funkeln echter Lebensgeschichte in sich.
Ein Buch zum Wegschlotzen und Wegträumen an nasskalten Herbsttagen, das zeigt, wie Frauen ihren Weg finden - manchmal anders, als sie es je geplant hätten.
AutorIn: Annina Keller
Verlag: WörterSeh

Angelika wächst in Vorarlberg bei Pflegeeltern auf - in einem Haus, das streng, fürsorglich und voller unausgesprochener Geheimnisse ist. Ihre Herkunft bleibt lange unklar: Nur Bruchstücke einer Erinnerung, ein herrschaftliches Haus, eine elegant gekleidete Frau. Dieses Nicht-Wissen prägt sie, macht sie zur Zuschauerin im eigenen Leben.
Mich hat beeindruckt, wie fein die Autorin die Atmosphäre der 1950er- und 60er-Jahre einfängt: die Kleidung, die Möbel, die kleinen Gesten. Alles wirkt plastisch und lebendig, man fühlt sich sofort in Angelikas Welt versetzt. Und zugleich spürt man ständig ihr Fremdsein - das Bedürfnis, dazuzugehören, und das gleichzeitige Beharren darauf, das Eigene, Ungeklärte in sich zu bewahren.
Der Roman entwickelt sich ruhig, ohne von einem Plot getrieben zu sein. Das Geheimnis wird gelüftet, doch wichtiger ist die leise, eindringliche Schilderung eines Aufwachsens zwischen Pflichtgefühl und dem Wunsch nach Eigenständigkeit. Genau das hat mich an diesem Buch so gepackt.
AutorIn: Barbara Lutz
Verlag: Limmat

Annette Hugs Wilhelm Tell in Manila hat mich sofort in seinen Bann gezogen - das ist ein Roman von seltener literarischer Raffinesse! Der Roman erzählt, wie José Rizal - der spätere Nationalheld der Philippinen - 1886 nach Deutschland kommt, um Augenheilkunde zu studieren, und nebenbei Schillers Wilhelm Tell ins Tagalog überträgt. Dieses Übersetzen ist mehr als sprachliche Übung: Es wird zur politischen Tat, zum Versuch, den Freiheitsmythos der Schweizer Berge in die koloniale Realität der Philippinen zu verpflanzen.
Mich hat fasziniert, wie Hug die Sprachgrenzen sichtbar macht. Sie zeigt eindringlich, wie schwierig es ist, Begriffe wie «Freiheit» oder «Bund» in eine Sprache zu übertragen, die ihre eigenen historischen und sozialen Erfahrungen kennt. Oder ganz banal: Wie übersetzt man «Gletscher» in eine tropische Landschaft? Diese Reibungen zwischen zwei Welten - die Urschweiz um 1300 und die Philippinen unter spanischer Herrschaft - setzen beim Lesen unentwegt Funken.
Die Stärke des Romans liegt darin, dass er nicht nur ein historisches Porträt Rizals zeichnet, sondern das Übersetzen selbst als poetischen, politischen und existenziellen Prozess sichtbar macht. Sprache wird hier zur Arena, in der Hoffnung und Angst, Befreiung und Gewalt, Nähe und Fremdheit verhandelt werden. Wilhelm Tell in Manila ist ein Roman über die Kraft der Literatur, die Grenzen und Räume von Freiheit neu zu denken. Unbedingt lesen!
AutorIn: Annette Hug
Verlag: Das Wunderhorn

Daniel de Roulet erzählt in Ein Sonntag in den Bergen von einer Tat, die sein Leben geprägt hat: 1975 zündete er gemeinsam mit seiner Freundin Axel Springers Chalet oberhalb von Gstaad an. Dass man den Ausgang kennt, macht den Text nicht weniger spannend - im Gegenteil. Durch die langsame, reflektierende Erzählweise entsteht ein Sog, den ich so nicht erwartet hätte.
Besonders stark finde ich, wie De Roulet seine Überzeugungen der 70er-Jahre schildert, das macht den Text zu einem Zeitdokument der 70er-Jahre: RAF-Terror, Anti-Atom-Proteste, Misstrauen gegen alte Nazis und Empörung über die Springer-Presse. De Roulet schreibt mit Selbstironie, aber auch mit Ernst über politische Irrtümer, über die Verblendung des Kalten Kriegs und über die Liebe, die ihn damals begleitete. Seine Position wird verständlich, nachvollziehbar und ohne Verklärung geschildert.
Grossartig fand ich auch den Einstieg in das Buch: Das Zitat eines heutigen Politikers: «Ich weiss nicht, ob es Ihnen so geht wie mir, Tag für Tag bekämpfe ich das, wofür ich mich als junger Mensch engagiert habe.» Wow, was für ein Opener! Man ist sofort eingestimmt auf den folgenden Text.
Die Sprache ist schlicht und schön, die Übersetzung unglaublich feinfühlig. Bemerkenswert fand ich auch seine Wut auf das «schlossähnliche» Chalet Springers - googelt man Bilder, wirkt es heute fast bescheiden. Was inzwischen an überdimensionierten Chalets in die Alpen gesetzt wurde, erzählt wiederum eine ganz andere Geschichte…
Ein schnörkelloses, fesselndes Buch über Ideale, Irrtümer und die Kraft der Erinnerung.
AutorIn: Daniel de Roulet

Dieser Roman steht in der Tradition des magischen Realismus und ist ein Meisterwerk der Hochspannung: Eine rätselhafte Todesserie in der besseren Gesellschaft erschüttert das Wien der Jahrhundertwende. Der Meister des jüngsten Tages ist ein literarisches Vexierspiel, das nach und nach Einblicke in menschliche Abgründe gewährt, wie nur sehr gute Literatur es kann. Unbedingt lesenswert!
AutorIn: Leo Perutz
Verlag: Zsolnay

Isabelle Flükiger erzählt in ihrer recherchebasierten literarischen Reportage von zwei Sans-Papiers, die in der Schweiz im Schatten leben. Gloria arbeitet seit fünfzehn Jahren als Nanny, weit weg von ihren eigenen Kindern, die sie von hier aus finanziert. Mohammed schuftet auf dem Bau, oft 14 Stunden am Tag, für einen Hungerlohn und in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Beide sind Teil einer Gesellschaft, die ihre Arbeit dringend braucht - und ihnen gleichzeitig die Rechte verweigert, die sie verdienen.
Flükiger schildert diese Schicksale mit grosser Empathie aber ohne Pathos, und seziert zugleich gnadenlos die Strukturen, die Ausbeutung möglich machen. Sie zeigt, wie Familien ihr Glück auf Kosten anderer aufrechterhalten - und wie Behörden, Gesetze und Arbeitgeber dabei zuschauen oder sogar davon profitieren. Sie zeigt schonungslos auf, wie leicht die Schlupflöcher zu finden sind, und wie wenig das Interesse der Politik, der Öffentlichkeit den Menschen gilt. Das macht dieses Buch zu einem Schlaglicht auf eine Realität, die viele lieber verdrängen würden und die doch den Wohlstand, der uns umgibt, mit aufrechterhält.
Mich hat diese Lektüre erschüttert und begeistert zugleich: erschüttert wegen der Ungerechtigkeit, begeistert wegen der literarischen Kraft, mit der Flükiger erzählt. Dieses Buch ist unbequem, ehrlich und absolut notwendig. Eine absolute Leseempfehlung von meiner Seite.
AutorIn: Isabelle Flükiger
Verlag: Rotpunkt
ÜbersetzerIn: Ruth Gantert

Dieser Roman ist Lesevergnügen pur! Die Autorin lässt zwei Krimi-Grössen aufeinandertreffen: Friedrich Glauser und Georges Simenon. Biographisch möglich gewesen wäre das im Sommer 1937 an der Atlantikküste Frankreichs und dort ist dieser vor Faburlierlust sprühende Roman auch angesiedelt. Und natürlich begegnen die beiden sich nicht nur, sondern sie schreiben auch noch einen Roman zusammen - ein Kriminalroman, wie sollte es anders sein. Haslers Roman vermittelt en passant viele Informationen über die beiden Krimi-Grössen und ist eine herrliche Einführung ins Werk der beiden - ganz abgesehen davon, dass es ein grossartiges Buch ist.
AutorIn: Ursula Hasler
Verlag: Limmat

Blaise Campo Gacoscos' Debütroman Der Junge aus Ilocos ist eine Entdeckung. Auf nur 150 Seiten entfaltet er ein halbes Leben - und die Gegenwart der Philippinen. Acht Episoden, durchzogen von Sprüngen und Leerstellen, lassen Raum für das Unsagbare und für die Fantasie der Leserin.
Im Zentrum steht Victor, geboren in der Region Ilocos, geprägt von Armut, Religion und dem Fehlen des Vaters. Er wächst behütet und zugleich als Aussenseiter auf - wegen seiner Herkunft und seiner Sexualität. Später zieht es ihn nach Manila, wo er als Klatschreporter Einblicke in das Leben der Reichen erhält, während er selbst in ärmlichen Verhältnissen lebt.
Gacoscos zeigt die Spannungen zwischen Tradition und Moderne, Kolonialismus und Globalisierung, Nähe und Distanz. Englisch, Tagalog und Ilocano stehen selbstverständlich nebeneinander - wie im Leben selbst. Besonders stark sind die poetischen Bilder, etwa wenn die Capiz-Fenster zu Behältnissen für Erinnerungen werden, in denen ganze Lebensgeschichten aufscheinen.
Dieser Roman ist ein Werk des Unausgesprochenen. Vieles bleibt offen, vieles unausgesprochen - und genau darin liegt seine Kraft. Der Junge aus Ilocos ist kein linearer Entwicklungsroman, sondern eine kunstvolle Composite Novel, die in der Tradition der Kurzgeschichte steht. Ein Buch, das von Mangel erzählt - an Liebe, Freiheit, Sicherheit - und zugleich von dem unbedingten Versuch, die Welt besser zu denken.
AutorIn: Blaise Campo Gacoscos
Verlag: Albino
ÜbersetzerIn: Andreas Diesel

Es gibt Bücher, die liest du - und danach bist du nicht mehr dieselbe Person. Dieses hier gehört unbedingt dazu.
Ein Sportplatz und getrennte Schlafsäle für Jungen und Mädchen - auf den ersten Blick scheinen wir in einem ganz gewöhnlichen Internat zu sein. Aber die Lehrer, so freundlich und engagiert sie auch sind, heissen «Wächter» und lassen die Kinder früh spüren, dass sie anders sind. Ich will gar nicht zu viel verraten, denn wer die Handlung kennt, ist um eine der schockierendsten und zugleich erhellendsten Leseerfahrungen ärmer. Was Ishiguro hier über Kathy, Ruth und Tommy erzählt, schleicht sich leise ins Herz und entfaltet seine Wucht erst nach und nach - bis man plötzlich den Boden unter den Füssen verliert. Dieses Buch stellt Fragen, die man sich vorher vielleicht nie gestellt hat, und es zwingt dazu, über das eigene Menschsein neu nachzudenken.
Ishiguro erzählt so leise, so unaufgeregt, dass sich die ganze Wucht erst nach und nach entfaltet - bis du plötzlich innehalten musst. Du wirst vieles infrage stellen, über Menschsein und Erinnerung nachdenken Ich war nach der letzten Seite nicht mehr dieselbe Person wie davor - so viel Nachhall hatte bisher kaum ein Buch in mir. Ich verspreche es: Das ist ein Roman, der einem lange nicht loslassen wird. Einer, der einen verwandelt. Für mich gehört er zu den besten Büchern überhaupt - und ich wünsche Ihnen sehr, dass er Sie genauso trifft.
AutorIn: Kazuo Ishiguro
Verlag: Blessing
ÜbersetzerIn: Barbara Schaden

Der Geruch von Heu, Blut und Sommer - und ein Leben, das im Takt der Tiere vergeht.
Ein Hof im Südosten Frankreichs: Man wächst auf mit Kühen, Kaninchen, Jahreszeiten und Familiengeschichten.Hier lebt «die Kleine» zwischen besorgter Mutter, rührender Oma, fleissigem Opa und einem skurrilen Grossonkel im Hinterzimmer - eine Welt, die scheinbar unveränderlich ist, bis erste Risse sichtbar werden.
Marion Fayolle fängt diese bäuerliche Welt in kurzen, präzisen Sätzen ein - zart, herb und voller Sinnlichkeit, übersetzt aus dem Französischen von Ruth Gantert. Jede Geste, jedes Tier, jeder Geruch erzählt von einem Erbe, das Generationen geprägt hat.Am Ende bleibt ein leiser, melancholischer Abschied - und der Duft eines Lebens, das niemand mehr führen will. Das Buch hat mich wehmütig gemacht, nachdenklich, glücklich. Super Buch!
AutorIn: Marion Fayolle
Verlag: Atlantis
ÜbersetzerIn: Ruth Gantert

Sie verspeiste den Aal, den ihre Mutter geboren hatte - und wurde verflucht.
Luklak ist eine junge Frau in einem kleinen Küstenort, doch seltsames geschieht mit ihr: Sie verwandelt sich in eine Aswang, ein mythisches Hexen-Krokodil. Mehr und mehr taucht sie in eine andere Form der Existenz ein - und wir Leserinnen und Leser mit ihr. Schauplatz ist eine spanische Kolonie im 17. Jahrhundert, ein philippinisches Küstendorf zwischen Seehandel, kolonialer Macht und der Gefahr durch Moro-Piraten. Zwischen einem Pater, einem Affen in roter Hose und Seelenvögeln entspinnt sich eine rauschende, bildstarke Geschichte voller Geisterwesen und Mythen.
Allan N. Derain rückt die für uns vollkommen neue, aber auf den Philippinen bekannte Figur des «Aswang» in ein neues Licht - fernab des Horror-Klischees, tief verwurzelt in philippinischer Kultur und Geschichte. Die poetische, detailreiche Sprache, von Annette Hug meisterhaft ins Deutsche übertragen, zieht Kapitel für Kapitel tiefer in ihren Bann.
Das Meer der Aswang ist ein literarisches Tor zu einer reichen, faszinierenden Mythologie - und zu Fragen nach Transformation, Zugehörigkeit und Mut.
AutorIn: Allan N. Derain
Verlag: Unionsverlag
ÜbersetzerIn: Annette Hug

Was, wenn du in deinem eigenen Dorf nur noch als Dienstbote wahrgenommen wirst - von Menschen, die mehr Geld haben, als sie je ausgeben könnten?
Willkommen in Waldbad - einem idyllischen Kurort in den Schweizer Bergen, wo die Feriengäste immer zahlreicher und die Wohnungen für Einheimische immer knapper werden und Willkommen im Leben von Luan, Handwerker mit Herz, Einheimischer mit Leib und Seele, der es sich bald nicht mehr leisten kann an dem Ort zu arbeiten, wo er für die Neu- und Altreichen aus der ganzen Schweiz Dienstleistungen verrichtet. Neben seinen Jobs für Touristen träumt er von Sternschnuppen, sammelt Meteoritenbrocken und hat ein geheimes Hobby im nächtlichen Wald. Mit Humor, Wärme und feinem Blick erzählt Lea Catrina von Menschen zwischen Apéro, Wohnungsnot und seltsamen Lichtern am Himmel.
Waldbad ist zugleich Dorfporträt, Sozialstudie und eine Geschichte über das Glück in kleinen Dingen. Wer hier liest, spürt den Duft der Berge - und die Wehmut, wenn Heimat langsam verschwindet.
Ein Roman, der nachhallt wie ein Echo im Tal.
AutorIn: Lea Catrina
Verlag: Aris

Ich bin hin-ge-rissen! Was für ein Debut!
Wobei ich mich frage, ob die Bezeichnug «Debut» hier stimmt, Leon Engler hat schon einiges publiziert (Hörspiele, Theaterstücke etc.) aber eben noch keinen Roman. Der liegt jetzt vor und ist in meinen Augen hinreissend. Ein sprachlich sehr schön ausgearbeiteter, sehr unterhaltsamer und sehr lehrreicher Roman. Die gesamte Familie des Protagonisten hat psychische Probleme, da gibt es keine Diagnose, die nicht vertreten wäre. Verständlich, dass er Angst hat, selbst verrückt zu werden, oder?
Seine Art, damit umzugehen, ihn bei seinen Recherchen und Erkundungen zu begleiten (man lernt sehr viel über die Gesichte der Psychiatrie), vor allem aber auch seine Familie kennenzulernen ist ein wunderbares Leseerlebnis. Grosse Empfehlung von mir.
AutorIn: Leon Engler
Verlag: Dumont

Ein Sarg aus Saudi-Arabien landet in Manila - und bringt mehr mit sich als nur eine Leiche.
In Last Call Manila verwebt der philippinische Autor Jose Dalisay Krimihandlung, politische Analyse und geschichtlichen Kontext zu einem vielschichtigen Gesellschaftsporträt. Mit lakonischem Ton und schwarzem Humor erzählt er vom Alltag philippinischer Arbeitsmigrant:innen und damit eigentlich von moderner Sklaverei in einem globalisierten System.
Dalisay schildert seine Figuren mit grosser Präzision und Empathie, nie klischeehaft, immer plastisch - ob Sängerin, Polizist oder vermeintliches Opfer: Jede Stimme zählt. Ein kluger, bitter-komischer Roman, der unter die Haut geht.
AutorIn: Jose Dalisay
Verlag: Transit
ÜbersetzerIn: Niko Fröba

Eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen im Amerika der 1950er-Jahre, erzählt mit sprachlicher Präzision, leiser Sinnlichkeit und grosser poetischer Kraft. Ein Buch, das mich tief berührt hat - weil es von Mut erzählt, von Sehnsucht, vom stillen Glück der Nähe. Und weil es daran erinnert, wie gefährlich es war (und wieder ist), anders zu lieben. Patricia Highsmith schrieb diesen Roman unter Pseudonym, als lesbische Liebe noch als Verbrechen galt. Was für ein Skandal, dass genau diese Freiheit heute wieder verteidigt werden muss.
Eine dringende Leseempfehlung. Ein stiller Klassiker. Ein Stück queere Geschichte, das leuchtet.
AutorIn: Patricia Highsmith
Verlag: Diogenes
ÜbersetzerIn: Melanie Walz

Super Buch!
Doris Knecht hat eine sehr schöne Sprache, beobachtet klug, reflektiert, ist humorvoll. Ein Empowerment-Roman, ein Buch über den Wert von Freundschaft und Gemeinschaft, aber auch eine Reflektion über die Stigmatisierung von Alleinstehenden, besonders von Single-Frauen. Sehr lesenswert!
AutorIn: Doris Knecht
Verlag: Hanser Berlin

Rasante Wortspiele, schwarzer Humor, bissige Kommentare und sehr gute Unterhaltung!
Jessica Zafra ist eine der bekanntesten Autorinnen der Philippinen. Sie schreibt Kolumnen für internationale Zeitungen (u. a. «The New Yorker»). Ein ziemlich böses Mädchen war ihr Debutroman, der seit seinem Erscheinen 2021 mehrfach neu aufgelegt wurde. Das Porträt der Heranwachsenden Guada ist verknüpft mit der Darstellung des Marcos-Regimes. Aus westlicher Sicht ist vieles absolut neu und unbekannt, spannend und vielschichtig. Ein leicht zu lesender Roman, an dem mich lediglich der Titel stört, da er mir nicht auf die Hauptfigur passend scheint.
AutorIn: Jessica Zafra
Verlag: Transit
ÜbersetzerIn: Niko Fröba

Was für ein grossartiger Roman!
Das Porträt einer extrem reichen und extrem einsamen Frau, die wir in dem Moment kennenlernen, in dem sie die Reste ihres sozialen Lebens an die Wand zu fahren droht. Was voyeuristisch unterhaltsam sein kann (Probleme von Millionären eben), fährt aber ein: in dem sprachlich sehr gut gearbeiteten Buch werden von psychischer Gesundheit über Demokaratie und Abtreibungsrechte durchaus eine ganze Reihe relevanter Themen verhandelt. Matylda ist nicht nur reich, sondern auch rotzfrech, selbstkritisch, zynisch und für uns Lesende oftmals extrem witzig. Ein Buch also, das einen beim Lesen in ein emotionales Wechselbad wirft. Uneingeschränkte Leseempfehlung!
AutorIn: Julia Kohli
Verlag: Lenos

Beziehungspause. Kaum ist das Wort ausgesprochen, ändert es alles. Der Roman ist brillant und blitzgescheit, er seziert eine Mann-Frau-Beziehung aufs genaueste, er seziert den Geschlechterkonflikt, der trotz oder wegen aller Bemühungen um Gleichstellung weiter tobt.
Die Handlung in Kurz: Er will eine Pause, sie bekommt einen Nervenzusammenbruch, denn seine «Pause» ist eine andere Frau. Nachdem sie aus der Klinik entlassen ist, verbringt sie den Sommer alleine. Das hat eine Zweiteilung des Romans zur Folge: im ersten Teil geht es um die Mann-Frau-Beziehung, im zweiten Teil seziert die Autorin das Verhältnis von Frauen untereinander (Mutter-Tochter etc.) - denn auch diese Beziehungen prägen schlussendlich das Verhältnis von Frauen zu Männern.
Ein sehr kluger Roman, der nicht an Ironie spart, auch extrem witzig ist - und dazu auch noch in der Handlung spannend bleibt. Wirklich ein Genuss!
AutorIn: Siri Hustvedt
Verlag: Rowohlt
ÜbersetzerIn: Uli Aumüller

Strand-Lektüre gesucht? Der neue Suter hat alles, was dazu nötig ist: einen guten Plot, er ist flott erzählt, wird nicht langweilig. Dass das Personal ein wenig stereotyp und die Handlung ein wenig konstruiert ist - geschenkt. In der Badi lesen wir ja schliesslich auch keinen Dostojewski! Wer also einen "Schlotzer" sucht, der sich sonnenfaul gut lesen lässt, ist hier gut bedient.
AutorIn: Martin Suter
Verlag: Diogenes

Ich bin immer noch unentschlossen, ob ich die Zweiteilung in dem Buch gut finde. Da ich nun aber so lange darüber nachdenke und ständig meine Meinung ändere, braucht des den zweiten Teil wohl doch - sonst würde er mich kaum so beschäftigen.
Zwei Musikstudenten durchwandern die Wälder, spüren Menschen auf, die alte Lieder singen können und nehmen diese Lieder auf Wachswalzen auf. Diese Wanderung ist nicht nur ein Durchqueren von Räumen, es ist auch eine Aufeinander-zu-Bewegung der beiden jungen Musiker.
Jahrzehnte später findet eine Frau in dem gerade frisch gekauften Haus seltsame alte Wachswalzen. Diesen zweiten Teil habe ich zuerst als störend empfunden - vermutlich, weil ich gerne noch viel mehr von den beiden Männern gelesen hätte. Allerdings ergänzt es sich dann doch und die Mahnung wird deutlich: nutze den Tag, du weisst nie, wie lang er dauert. Ein schmales, schönes Buch.
AutorIn: Ben Shattuck
Verlag: Hanser
ÜbersetzerIn: Dirk van Gunsteren

Ihre Strumpfhosen sind rot, ihre Ballettschläppchen aus der Altkleidersammlung - aber Marie gibt nicht auf: sie will zum Ballett! Allen Hürden und Widerständen zum Trotz. Ihr Freund Chopin (ja, der Chopin), den ausser ihr niemand sehen kann, kommentiert Maries Träume und Handlungen exquisit scharfzüngig, ich habe oft lachen müssen.
Die Geschichte des resilienten Mädchens eignet sich hervorragend zum Lesen in der Badi oder am Strand, man ist gut und positiv unterhalten!
AutorIn: Elizabeth Heichelbech
Verlag: Schöffling
ÜbersetzerIn: Lena Riebl

Drei Freunde aus London, die gemeinsam auf der Themse herumschippern wollen, um ihren Alltagsproblemen zu entfliehen. Der zweiwöchige Bootsausflug steht im Zentrum, der Erzähler schweift aber immer wieder ab und erzählt Anekdoten aus dem Leben der drei Freunde.
Es ist ein heiteres kleines Büchlein, very british in der Art des Humors (die Eingangsszene mit dem medizinischen Lexikon habe ich schon mehrfach vor Publikum vorgetragen, das vor Lachen brüllend am Boden lag), elegant und leichtfüssig geschrieben.
Und wer beim Lesen des Titels denkt «das Buch kenne ich doch!», weil er oder sie den Film gesehen hat - nein, das ist nicht dasselbe. Also von der Grundidee her schon, aber der - sehr heitere! - Film mit Heinz Erhardt und Walter Giller aus dem Jahr 1961 weicht stark von der Vorlage ab.
AutorIn: Jerome K. Jerome
Verlag: Anaconda
ÜbersetzerIn: Gisbert Haefs

Wie viel Wahrheit hält ein Gespräch aus - und wer hört hier eigentlich wem zu?
Ein Fremder, ein Flughafen, ein harmloser Austausch zwischen Reisenden - doch was folgt, ist ein wortgewaltiger Schlagabtausch über Schuld, Hässlichkeit, Verdrängung und die feine Linie zwischen Normalität und Wahnsinn.
Amélie Nothomb zerlegt einmal mehr mit messerscharfer Sprache und bösem Witz die Fassade der Zivilisation - so leichtfüssig erzählt, dass einem das Grauen erst zu spät auffällt. Ein psychologischer Thriller im Dialogformat - elegant, klug, verstörend. Und ganz sicher nichts für zartbesaitete Vielreisende - ich bin beim Lesen schier verrückt geworden.
AutorIn: Amélie Nothomb
Verlag: Diogenes
ÜbersetzerIn: Brigitte Grosse

Wie findet man zu sich selbst - und zur Kunst - wenn das Leben einem ständig Steine in den Weg legt? André David Winter erzählt in seinem einfühlsamen Roman die Geschichte von Anina, einer jungen Frau, die sich immer wieder befreien muss: von engen Familienbanden, enttäuschenden Beziehungen und dem eigenen Zweifel an ihrer künstlerischen Begabung.
Ein Buch über Mut, Freundschaft, verlorene und neu entdeckte Träume - und auch immer wieder die Frage, was Freiheit wirklich bedeutet.
Für alle, die wissen wollen: Kann Kunst uns finden, wenn wir sie selbst vergessen haben?
AutorIn: André David Winter
Verlag: Edition Bücherlese

Heute ist der internationale Tag der Frauengesundheit und der Menstruation. Das nehme ich gerne zum Anlass, um Eve Enslers Vagina Monologe zu empfehlen.
Vor 25 Jahren erschien die deutsche Übersetzung, sehnsüchtig erwartet und von den Theatern heiss begehrt. Kein Wunder: Bei der amerikanischen Premiere wirkten ausschliesslich Superstars mit: Glenn Close, Whoopi Goldberg, Susan Sarandon, Lily Tomlin, Winona Ryder etc.
Das Buch basiert auf Interviews mit 200 Frauen und Mädchen mit unterschiedlichen biographischen Hintergründen - über ihre Vagina. Es ist eine in meinen Augen sehr kunstfertige, informative, niemals obszöne Umsetzung des Themas, das Buch ist absolut lesenswert.
«Die Monologe, die aus ihren Interviews mit 200 Frauen stammen, reichen von Vergewaltigung in Bosnien über die sexuelle Initiation einer 13-Jährigen durch eine ältere Frau bis zur Geburt von Enslers eigenem Enkelkind. Die Autorin durchsetzt dies mit Abrissen über Themen wie jugendliche Unwissenheit, Missbrauch von Frauen und lustigen Euphemismen - aber auch mit Litaneien, die das Selbstbild der Frau beschwören: gesungene Kataloge die Geschmack, Tastsinn, Auge und Nase reizen und Gebrüll im Publikum hervorrufen», hiess es in der ersten Kritik der New York Times.
Das Buch ist x-fach wieder aufgelegt worden und immer noch erhältlich. Empfehlenswert, nicht nur am heutigen Tag!
AutorIn: Eve Ensler
Verlag: Nautilus
ÜbersetzerIn: Peter Staatsmann

Die Zürcher Lyrikerin Iren Baumann bleibt eine stille Meisterin des Unscheinbaren. In ihrem neunten Gedichtband bleibt sie ihrem unverwechselbaren Stil treu: reimlos, rhythmisch eigenwillig, sprachlich schnörkellos. In freien Rhythmen und lakonischer Sprache fängt sie Momente ein, in denen sich das Alltägliche, das scheinbar Nebensächliche plötzlich verwandelt: Abbruchhäuser, Abendregen, Kindheitsszenen, die stumme Zwiesprache von Flora und Fauna.
Ihre Gedichte sind eine Sehschule, die das Gewöhnliche in gebrochenem Licht schimmern lässt. Keine bedeutungsschwere Lyrik, sondern Poesie mit Hintersinn, Witz und stillem Glanz.
Wer Gedichte sucht, die den Blick schärfen - lesen!
AutorIn: Iren Baumann
Verlag: Nimbus. Kunst und Bücher

«In der Vorstellung meines Vaters ist eine Lkw-Reise von der Erde bis zum Mond konkreter als mein Leben als Akademiker, Dozent und Autor.»
Sätze wie dieser verdeutlichen die enorme Bildungsemanzipation von José Henrique Bortoluci, der in Brasilien in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen ist und der das Porträt seines Vaters, dessen Lebens als LKW-Fahrer, nicht ohne die Geschichte Brasiliens, die Geschichte der Diktatur, der Umweltzerstörung, und nicht ohne soziologischen Reflexionen über die Arbeiterklasse erzählen kann.
Das klar erzählte Buch, in dem Zitate des Vaters, seine abenteuerlichen Geschichten von der Strasse in die Erinnerungen des Sohnes eingeworben sind, hat mir extrem gut gefallen. Bortoluci zitiert viel, greift kluge Gedanken auf, eröffnet immer wieder eine neue Ebene und gibt einem viel Raum zu denken, ohne intellektuell aufdringlich zu sein.
Man erfährt viel über die Geschichte Brasiliens und bei den Beschreibungen über die enormen Abholzungen wird einem fast schlecht. Nicht nur deshalb ein Buch, an das man auf vielen Ebenen anknüpfen kann. Grosse Leseempfehlung!
AutorIn: José Henrique Bortoluci
Verlag: Aufbau
ÜbersetzerIn: Maria Hummitzsch

Natalia Ginzburg schafft es immer wieder, mir das Herz zu brechen, aber keine bricht es schöner, als sie!
Elsa, 27 und unverheiratet (in den Fünfziger in Italien ein No-Go) trifft sich heimlich mit einem Spross aus reicher Familie. Zwar ist die Protagonistin zeitlich die Erzählerin, aber nahe kommen wir ihr dadurch nicht: Emotionen werden ausgespart, sie gibt dafür den Nörgeleien ihrer Mutter schriftlichen Raum. Die Geschichte der Familie ihres Geliebten macht einen grossen Teil des Romans aus, hier werden auch Schuldfragen verhandelt, die sich kurz nach dem Krieg freilich auf den Faschismus und die Eingliederung in das Regime drehen. Elsa macht sich nie etwas vor: das Glück ist kurz, es wird nicht ausreichen….
In gewohnter Art realistisch, fast schon lakonisch erzählt die Autorin - aber wie schafft sie es dennoch, dass einem dabei so warm wird? Ich bewundere Natalia Ginzburg zutiefst.
AutorIn: Natalia Ginzburg
Verlag: Wagenbach
ÜbersetzerIn: Alice Vollenweider

Stellen Sie sich vor, Sie müsstesnaus 64 Lyrikbänden mit unzähligen Gedichten insgesamt 50 einzelne Texte auswählen - 50, keinen einzigen mehr! - um 50 Jahre Lyrik eines renommierten Verlags zu repräsentieren. Uff, harte Aufgabe, oder?
Usama Al Shahmani hat sich dieser Aufgabe gestellt. Das Ergebnis überzeugt mich sehr: seine Auswahl ist wirklich persönlich, erfrischend unakademisch, jederzeit spannend zu entdecken. Das Buch ist eine wahre Fundgrube, ich kann es Ihnen sehr ans Herz legen.
AutorIn: Usama Al Shahmani
Verlag: Limmat

Heute vor 92 Jahren, am 10. Mai 1933 brannten in vielen deutschen Städten die Bücher. Auch Erich Kästners. Er stand dabei, als Beobachter seiner eigenen Auslöschung. In seinem Text Über das Verbrennen von Büchern schreibt er später darüber.
Klar, reflektiert, ohne Sentimentalität. Und gerade deshalb so eindringlich. Lesen lohnt sich. Immer noch. Gerade jetzt.
AutorIn: Erich Kästner
Verlag: Atrium

69, weiblich, frisch verlassen, schrecklich allein - und hungrig aufs Leben, auf Sexualität, auf Zweisamkeit. Die Norwegerin Wencke Mühleisen erzählt ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, schnörkellos und klar vom späten Singledasein und den Abgründen des Online-Datings.
«Ein kluges Buch, das zeigt, dass Begehren nicht mit dem Alter aufhört, ebenso wenig wie die Möglichkeit auf neue Abenteuer.» urteilt Amanda Andreas auf WDR 3 im Kulturmagazin Westart. Inhaltlich hat mich der Roman ebenfalls sehr überzeugt, sprachlich fand ich es solide. Empfehlen kann ich das Buch auf jeden Fall.
AutorIn: Wencke Mühleisen
Verlag: Nagel und Kimche
ÜbersetzerIn: Ina Kronenberger

Ein Autor, der nie wieder schreiben möchte und sich dann selbst einwickelt: ein grossartiger Roman von Alessandro Baricco. Der Erfolgsautor Jasper Gwyn beschliesst, nie wieder zu schreiben - damit beginnt der Roman und bietet schonmal eine sehr interessante Ausgangslage. Gwyn lässt sich eine Zeitlang treiben und findet dann das, was er als nächstes machen möchte: eine Aufgabe, die er als «seine» Aufgabe erkennt (oder bestimmt)? Er will Kopist sein. Er möchte mit Klientinnen und Klienten viel Zeit in demselben Raum verbringen, doch statt ein Gemälde von ihnen anzufertigen, möchte er ein Portrait schreiben - und das, ohne mit den Klientinnen und Klienten zu sprechen.
Die Idee ist extrem spannend, natürlich ertappt man sich immer wieder bei der Fragestellung «wie würde ich mich in diesem Raum verhalten? Was würde über mich aufgeschrieben werden?» Der Anspruch des Kopisten ist kein geringerer als der, zum Innersten seiner Klienten vorzudringen, zu erfassen was sie ausmacht, oder, um es mit seinen Worten zu sagen «sie nach Hause zu bringen».
Der Sog beim Lesen entsteht freilich auch wegen der Sprache - man beachte den Autor. Ein tolles Buch!
AutorIn: Alessandro Baricco
Verlag: Atlanik
ÜbersetzerIn: Annette Kopetzki

Wow, Uff und tief atmen: 16 Monate ist ein grossartiges Buch, für das Andina im vergangenen Jahr zu Recht mit dem Schweizer Literaturpreis ausgezeichnet wurde. Nun liegt die deutsche Übersetzung im Rotpunkt Verlag vor, Karin Diemerling hat diese besorgt.
Das Buch erzählt von Giuseppe Vaglio, einem Schreiner aus Cremenaga, einem kleinen Dorf direkt an der schweizerisch-italienischen Grenze, nur durch den Fluss Tress von der Schweiz getrennt. Giuseppe hilft jüdischen Flüchtlingen über die Grenze - er ist nicht der einzige, aber er tut es aus Überzeugung.
Die kleine Dorfgemeinschaft ist strapaziert durch die ständige Anwesenheit und Kontrolle der SS. Schlussendlich werden alle von der Deutschen Wehrmacht ausquartiert, damit diese die Grenze besser kontrollieren kann - das geschieht aber erst nach der Verhaftung Giuseppes - offenbar hat ihn jemand verpfiffen.
Der Roman begleitet sowohl Giuseppe bei seiner schrecklichen Verlegung von einem Gefängnis ins nächste bis er schliesslich im KZ Mauthausen ankommt, sowie seine Familie bei deren Bemühungen, zu Überleben. Immer im Wissen, dass derjenige, der Giuseppe verpfiffen hat, immer noch um sie herum ist.
Andinas Sprache ist klar, reduziert, schnörkellos. Er erzählt natürlich einen Teil Weltgeschichte, aber im Kleinen: in dieser Dorfstruktur, an einfachen Menschen. Ein grossartiges Buch, das ich unbedingt empfehlen möchte.
AutorIn: Fabio Andina
Verlag: Rotpunkt
ÜbersetzerIn: Karin Diemerling

Hach, was habe ich dieses Büchlein geliebt! Auch wenn man die Geschichte kennt (oder sich schon recht früh zusammenreimen kann, wie sie enden wird) - der Plot funktioniert trotzdem!
Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Millionär nimmt unter falschem Namen bei einem Preisausschreiben teil und gewinnt eine Woche in einem Hotel in den Alpen. Das will er sich nicht entgehen lassen, und tarnt sich als einfacher Bürger, um mal die anderen einfachen Bürger kennenzulernen. Das klappt auch ganz gut und er schliesst auch schnell Freundschaft mit einem anderen Mann - allerdings taucht dann ganz unerwartet seine Tochter auf, die einerseits seine Deckung auffliegen lassen könnte, andererseits auch erotischen Zunder in die Sache bringt, und ihn so in seine eigentliche Rolle zurückkatapultiert.
Sehr vergnüglich, und phantastisch geschrieben!
AutorIn: Erich Kästner
Verlag: Bertelsmann

Americanah von Chimamanda Ngozi Adichie hat mich umgehauen. Zehn Jahre mussten wir auf einen neuen Roman der nigerianischen Autorin warten. Dream Count erzählt von vier unterschiedlichen schwarzen Frauen in Afrika und den USA. auch in diesem Buch gab es viele wow-Momente, was Wissenserweiterung angeht, und oft habe ich mich so richtig in die Erzählung fallen lassen können. Das Buch hat über 500 Seiten und trotzdem eine grosse Sogwirkung, ich bin dran geblieben! Dream Count ist ein sehr gutes Buch, aber ich muss gestehen, dass es mich nicht in demselben Mass berührt hat, wie Americanah. Für mich waren zwei der vier Frauen besonders interessant, bei zweien hingegen habe ich etwas ungeduldig gelesen. Was mich am meisten irritiert hat: das stete Kreisen der Protagonistinnen um den männlichen Blick und die zerronnenen Beziehungen macht in meinen Augen viel vom feministischen Drive des Buches wieder zunichte.
AutorIn: Chimamanda Ngozi Adichie
Verlag: S. Fischer
ÜbersetzerIn: Asal Dardan und Jan Schönherr

Dieses Buch gehört zu den Meisterwerken von Antonio Tabucchi. Der etwas über 50-jährige, verwitwete Journalist Pereira ist verantwortlich für die unbedeutende Kulturseite einer unbedeutenden Zeitung in Lissabon. Um ihn herum das Chaos: Portugal unter der Diktatur, in Spanien herrscht Bürgerkrieg, Deutschland rüstet zum 2. Weltkrieg - aber das interessiert ihn nicht - bis er wachgerüttelt wird. Dieses Wachrütteln und die anschliessende «Menschwerdung» Pereiras, also die Verwandlung in jemanden, der Anteil nimmt, ist brillant gelungen. Ein ungemein kluges und fesselndes Buch über die zwei Möglichkeiten, mit seiner eigenen Zeit umzugehen: Auflehnen oder akzeptieren.
AutorIn: Antonio Tabucchi
Verlag: Hanser
ÜbersetzerIn: Karin Fleischanderl

Grade rausgekommen! Katja Kullmann kennt man eher von Sachbüchern - nun hat sie einen sehr unterhaltsamen Roman vorgelegt. Protagonistin Carla Mittmann hat ihre Lebensträume längst begraben und es sich in ihrem Alltag gemütlich gemacht. Aber ein Pflasterstein, der durch ihr Fenster fliegt und ein Haufen Geld rütteln sie so richtig wach.
Carla entscheidet, ihre geheime Leidenschaft - Menschen im Internet für ein geringes Entgelt ein Horoskop zu erstellen - zum Business auszubauen, und das, obwohl sie selbst eigentlich gar nicht wirklich an Astrologie glaubt. Die Sache schlägt ein wie eine Bombe, Carla wird sehr schnell sehr begehrt.
Dann geht alles Schlag auf Schlag - und es ist immer unklarer, ob Carla die Sterne lenkt oder halt doch die Sterne Carla lenken.
Mir hat es Spass gemacht, die Protagonistin bei dieser witzigen Reise zu begleiten. Kullmann schreibt dicht und humorig, es macht definitiv Spass, den Roman zu lesen. Wenn Sie ein langes Bad nehmen oder übers Wochenende wegfahren wollen: einpacken!
AutorIn: Katja Kullmann
Verlag: Hanser Berlin

Die grossartige Poetin Ulla Hahn tritt in einen lyrischen Dialog - mit sich selbst. Ihren erfolgreichen Gedichten aus früheren Publikationen stellt sie heutige Nachdichtungen gegenüber. Ein sehr spezielles und, wie ich glaube, einmaliges Projekt. Wann konnte man eine Dichterin schon einmal auf diese Art einmal bei ihrer Entwicklung (und Reflektion über ihre Entwicklung) beobachten?
Ein über die Massen empfehlenswerter und einmaliger Lyrikband.
AutorIn: Ulla Hahn
Verlag: DVA Deutsche Verlagsanstalt

Wow, wie spannend! Wussten Sie, dass es zu Beginn des 20. Jahrhunderts Frauen im Rennsport gab - die gegen die Männer angetreten sind - und sie besiegt haben? Eliska Junkova ist eine faszinierende und schillernde Figur, deren herausragende Leistungen in Vergessenheit geraten sind. Der Schweizer Autor Steven Schneider hat der tschechischen Rennfahrerin nun ein Buch gewidmet: Viele Erzählstränge werden kunstvoll miteinander verwoben, als Leserin bin ich - oft an unglaublich spannenden Stellen! - mit Zeitsprüngen und Rückblenden konfrontiert, die nach und nach ein dichtes und vielschichtiges Bild dieses aussergewöhnlichen Frauenlebens ergeben.
Es geht nicht nur ums Rennfahren - aber auch. Und wenn Sie jetzt denken, dass Sie Autorennen stinklangweilig finden: das geht mir auch so, ich kann das nicht anschauen. Aber lesen, wie Schneider darüber schreibt, das ist ein grosses Vergnügen! Das eigentliche Thema des Buches ist aber das Streben einer jungen Frau nach Selbst-Bestimmung, gesellschaftlichen Konventionen und oft auch ihrem Ehemann zum Trotz. Für mich ein klarer Fall: Leseempfehlung!
AutorIn: Steven Schneider
Verlag: rüffer&rub

Der Titel ist kitschig, das Cover ist es auch - aber man soll darüber hinwegsehen, denn das Buch ist wirklich gut. Es hat rein gar nichts mit der Füngzigerjahre-liebe-Kinder-Atmosphäre zu tun, die uns das Cover vermittelt!
Der Roman betrachtet eine Kindheit, eine sehr ungewöhnliche. Jeannette vergöttert ihren Vater, der ihr die Welt erklärt, für den sie die Grösste ist. Was ist da ein bisschen Hunger, was sind da die Streitereien mit ihrer Mutter? Der Leserin wird schnell klar, dass die abgebrannte Familie aus Geldsorgen quer durch die USA fährt, immer wieder bei jemand anderem unterkriecht, dass sie am untersten Ende der gesellschaftlichen Leiter stehen. Die Perspektive des Kindes jedoch ist wie eine Ohrfeige: die materiellen Mängel nimmt sie zwar wahr, zumindest teilweise, aber das ist es nicht, worauf es ankommt. Ich fand das Buch bemerkenswert.
AutorIn: Jeanette Walls
Verlag: Diana
ÜbersetzerIn: Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Achtung: Egal, was Sie erwarten - das hier ist was ganz anderes!
Nora Osagiobare schreibt über schwere Themen: Rassismus, Sexismus, Homophobie, Sans-Papiers. Wer jetzt ein Drama in düsteren Farben erwartet, liegt gänzlich falsch: Bei Daily Soap ist der Titel Programm, vor den Leser*innen breitet sich eine wahre Seifenoper aus, inklusive Soap in der Soap.
Dabei werden alle aufs Korn genommen: Die Bünzlis, die Superreichen, die Künstler:innen, die Aluhut-Träger. Und natürlich sind alle, wie es sich für eine echte Soap gehört, irgendwie miteinander verbandelt. Und auch die Werbung fehlt nicht, die zwischen den einzelnen «Folgen» zu lesen ist.
Unbedingt erwähnen muss man auch die Fussnoten, die das Geschehen kommentieren und noch mehr auf die Spitze treiben.
Und dann gibt es da noch das BARACK, das Bundesamt für die Rationalisierung Andersfarbiger anhand von Cappuccino bzw. Kaffee, das alle nichtweissen Personen sofort kategorisiert. Erschreckend, dass die Autorin mir im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung erzählt hat, dass sie im Ausland auf Unverständnis stösst, wenn sie über das Buch spricht - da wird angenommen, dass das BARACK tatsächlich existiert.
AutorIn: Nora Osagiobare
Verlag: Kein&Aber

Achtung, Beklemmung und unerträgliche Spannung vorprogrammiert! Giuseppe Fava ist geboren und aufgewachsen in Sizilien, er schrieb über die Mafia und wurde vor dem von ihm gegründeten Theater umgebracht… Seine Bücher sind unglaublich packend. Ehrenwerte Leute erzählt die Geschichte einer jungen Lehrerin, die versetzt wird und in irgend einem Nest landet. Doch etwas ist seltsam - sie ist wie in einer Blase. Wer sie beleidigt, ist am nächsten Tag tot. Wer ihr zu nahe kommt, ebenfalls. Sie hat keine Ahnung, was geschieht - die «ehrenwerten Leute» haben beschlossen, sie zu beschützen - nur, warum?
AutorIn: Giuseppe Fava
Verlag: Unionsverlag
ÜbersetzerIn: Peter O. Chotjewitz

Wow. Was für ein Buch. Ulrike Dreasner hat mich mit diesem persönlichen, sprachlich unglaublich spannenden Buch wirklich aus den Socken gehauen. Der ellenlange, quälende, von Zweifeln und Angst begleitete Prozess einer Auslandsadoption, der, wenn er lustig wäre, an die Suche von Asterix und Obelix nach dem Passierschein A 38 erinnern würde, aber leider nicht lustig, und darum nur eine fürchterlich zermürbende bürokratische Maschinerie ist - ich hatte keine Ahnung davon.
Draesner nimmt uns mit, lässt uns das Warten spüren - das ist nicht immer eine angenehme Leseerfahrung, aber es ist eine Lese-Erfahrung, die ich nicht missen möchte. Draesner kann die Zeit dehnen und anhalten, sie spielt meisterlich damit - das müsst ihr lesen! Und dann ihr Umgang mit ihrer "future daughter" auf Sri Lanka, die Art wie sie (nicht) von ihr schreibt: so respektvoll, so fürsorglich. Ich habe schon lange nicht mehr Rotz und Wasser geheult beim Lesen eines Buches, das so betont unpathetisch ist.
Einziger Kritikpunkt ist der Klappentext des Verlags: er verspricht etwas, was nicht im Buch steht. Es geht um die Zeit vor der Adoption, um den letzten Schritt - nicht um das Aufwachsen der Tochter und das Zusammenwachsen der Familie. Das wird natürlich auch beleuchtet, aber in Streiflichtern, es ist nicht das Zentrum dieses alles in allem wirklich bemerkenswerten Buchs.
AutorIn: Ulrike Draesner
Verlag: Penguin

War es Mord? Wer hat die Tochter aus gutem Hause umgebracht und ihres Schmucks beraubt? Und warum kann - Jahre später - der Mann, der die Schwester der Ermordeten heiratet, nicht davon ablassen, zu recherchieren, zu ermitteln, zu bohren und dabei seine Ehe, alles aufs Spiel zu setzen?
Hier sprechen wir über ein Buch, das irgendwie ein Krimi ist, ohne ein Krimi zu sein. Der Schauplatz ist ausnahmsweise Württemberg - der Doderer wurde ja mit dicken Wälzern berühmt, die in Österreich spielen, aber dieses ist viel feiner, und übrigens auch dünner.
Ein Mord den jeder begeht ist ein brillanter Roman, psychologisch, sprachlich, kompositorisch!
AutorIn: Heimito von Doderer
Verlag: dtv

Plötzlich tut sich eine Möglichkeit auf - geplant hat die Protagonistin nicht, dass sie ihr ganzes Leben über den Haufen wirft. Aber als ihr Haus im Sturm stark beschädigt wird und sie sich mit zwei dicken Geldtaschen in ihrem Auto wiederfindet, wittert sie eine Chance, nicht nur das marode Haus, sondern auch die unglückliche Ehe mit ihrem notorisch faulen und zur Spielsucht neigenden Ehemann hinter sich zu lassen. Ihr Aufbruch hat etwas Rührendes, nur: wem so viel Geld gehört, der will es in der Regel wieder zurück!
Das Katz- und Maus-Spiel hat mich extrem gut unterhalten, wenn es mir auch (gestehe: ich bin ein Hasenherz, das mit Spannung gar nicht gut zurecht kommt) phasenweise schon zu viel Aufregung war.
Fazit: Falls es die Kategorie «poetischer Krimi» überhaupt gibt: auf Claire Beyers Roman Regen trifft sie voll und ganz zu.
Dringende Leseempfehlung, sogar an Hasenherzen!
AutorIn: Claire Beyer
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt

Satirisch, bissig, ausserordentlich elegant erzählt - der Jahrmarkt der Eitelkeiten kann einen zum Wahnsinn treiben und trotzdem ist man damit bestens unterhalten. Ich habe diesen Klassiker der englischen Literatur (Zeitalter Charles Dickens und Brontë-Schwestern) geliebt!
Darum geht es: Becky Sharp, blitzgescheit, wunderschön, sehr machtgierig aber nicht gerade auf Rosen gebettet, tut alles, um gesellschaftlich aufzusteigen. Sie lässt dabei keine Intrige und keinen Schachzug aus - und man fällt nur zu gerne auf sie herein. Thackery nimmt die gesellschaftlichen Konventionen und Standesdünkel genüsslich auseinander. Fazit von Andreas Kilb aus der FAZ anlässlich der im Reclam-Verlag erschienenen Neuübersetzung: «Moral ist eine Frage des Geldes.»
Wie man vielleicht sehen kann, ist mein Exemplar ziemlich abgeschrabbelt, ich habe es einmal in einer Bücherkiste gefunden... da ist der Lack also auch ab, wie im Roman am Ende bei so gut wie allen Figuren.
Ein Klassiker, der viel Spass macht!
AutorIn: William M. Thackeray
Verlag: Hofenberg
ÜbersetzerIn: Christoph Friedrich Grieb

Ein Buch mit Sogwirkung! Die Geschichte des erfolglosen Schriftstellers und unglücklichen Lehrers Ingmar, der aus Wut auf die Verlagswelt einen Betrug beschliesst, hat mich sehr gefesselt.
Ist es wirklich ein richtiger Betrug? Oder doch nur ein schelmischer Streich? Wenn niemand zu Schaden kommt, dann kann man doch mit gezinkten Karten spielen - oder nicht?
Matija Katun und seine Söhne ist ein kluges Prosastück über die Verlags-und Buchwelt, ein gut nachvollziehbares Psychogramm eines erfolglosen Hochbegabten und ein Lehrstück darüber, wie man im Moment glücklich werden kann, statt irgendwelchen Ansprüchen und Idealen hinterher zu rennen. Unbedingte Leseempfehlung!
AutorIn: Karl Rühmann
Verlag: rüffer&rub

Wie macht sie das nur? Von Anfang an wissen wir: ihre Protagonistin (die in der Ich-Perspektive berichtet), ist unglücklich. Sehr unglücklich. Hoch verschuldet, frisch verlassen (von einem wirklichen A…) und mitten im Trauerprozess um ihre überraschend verstorbene Mutter. Eine wirklich ungute Ausgangslage also für die Hauptfigur - und dennoch weiss man, spürt man, dass sie es schaffen wird, obwohl sie das selbst nicht spürt und schon gar nicht weiss.
Das ist ein schöner Kunstgriff, keine Ahnung, wie das der Autorin gelungen ist!
Abgesehen davon gibt es auch noch einige Liebesgeschichten, einige Findungsgeschichten, viele kluge Gedanken über erfolgreiche Männer (und ihr Problem mit erfolgreichen Frauen). Ein Buch, das für mich die perfekte Mischung zwischen sehr unterhaltsam, schön geschrieben, überraschend und klug ist. Viel Spass beim Lesen!
AutorIn: Lily King
Verlag: C.H. Beck
ÜbersetzerIn: Sabine Roth

Sara Gmuers Roman Achtzehnter Stock ist ein echter Schlotzer, es ist wie mit Chips, wenn man anfängt, kann man nicht mehr aufhören und schwupp - ist die Packung leer. Darum gehts: Die Protagonistin Wanda lebt in der Berliner Platte und will ausbrechen, um eine bessere Zukunft für sich und ihre Tochter Karlie zu erkämpfen. Ihr Traum ist es, als Schauspielerin endlich den Durchbruch zu schaffen - doch wie soll das als alleinerziehende Mutter ohne Background gelingen?
Mir hat vieles gefallen: die Frauen, die alle kein Opfer sein wollen, die ehrliche Darstellung von Mutterschaft und der Vereinbarkeit von Kindern mit - ja eigentlich mit allem anderen, was im Leben sonst noch so stattfindet.
Der Roman hat mich an Elena Fischers Paradise Garden und Caroline Wahls 22 Bahnen erinnert. Wer diese Romane mochte, wird mit Achtzehnter Stock auf jeden Fall Spass haben!
AutorIn: Sara Gmuer
Verlag: hanserblau

Ein unendlich charmantes Buch!
Lady Rose ist ein moderner Klassiker der englischen Literatur, in meinen Augen ein wunderbarer und fein erzählter Roman. Das Cover der deutschsprachigen Ausgabe (gerade frisch bei Kampa erschienen) trifft den Charakter in meinen Augen nicht ganz: die sinnliche Lippe hat mich etwas fehlgeleitet. Lady Rose ist kein süffisanter oder gar erotischer Roman, es wird in grossen Rückblicken die Geschichte einer phantasiebegabten und sensiblen jungen Frau aus sehr gutem Hause erzählt, die unter den Konventionen ihrer Zeit leidet und - sofern es in ihrem Rahmen möglich ist - eigeninitiativ handelt und sich Freiheit erkämpft (zu einem hohen Preis).
Das Buch hat unbändiges Fernweh in mir geweckt, Schottland zu besuchen und durch alte Gemäuer zu streifen - das Lesen war ein grosses Vergnügen! Darum empfehle ich: Das Buch schnappen, einen exzellenten Schwarztee aufbrühen und ab in den Lesesessel!
AutorIn: Ruby Ferguson
Verlag: Kampa
ÜbersetzerIn: Manfred Allieé

Der neue Roman des österreichischen Kult-Autors Wolf Haas ist grosses Kino! Zwei ineinander verschlungene Romane, die beim Lesen durch die Protagonisten zum Leben erweckt werden und in einem unerwarteten Finale miteinander verschmelzen. Es beginnt harmlos: Franz Escher, Trauerredner und passionierter Puzzler, wartet auf den Elektriker. Um sich die Zeit zu vertreiben, liest er ein Buch über ein ehemaliges Mitglied der 'Ndrangheta, das im Gefängnis sitzt und auf seine neue Identität wartet. Zwei Ebenen, die nichts miteinander zu tun haben - und sich doch unaufhaltsam ineinander verschlingen.
Wie bei dem berühmten M.-C.-Escher-Bild, auf dem zwei Hände einander zeichnen, erschafft auch Haas eine Erzählarchitektur, die sich selbst reflektiert, verschiebt, verdoppelt. Realität und Fiktion geraten in Wackelkontakt, bis am Ende nicht mehr klar ist, wer wen erfindet.
Das ist kein Roman, den man "nacherzählen" kann - man muss ihn lesen, erleben, sich von seiner Sprachrhythmik, seiner Ironie und seiner Konstruktion fesseln lassen. Haas gelingt hier wieder einmal das, was nur er kann: ein literarisches Gedankenpuzzle, das gleichzeitig hochkomisch, tief melancholisch und absolut eigen ist.
Unbedingte Leseempfehlung!
AutorIn: Wolf Haas
Verlag: Hanser

In den Weihnachtsferien habe ich Only Margo gelesen, ein Buch, auf das ich mich seit der Frankfurter Buchmesse gefreut habe. Die Geschichte hat mich dann auch schon auf den ersten Seiten gefesselt, die Figuren sind nicht überzeichnet, so abgefahren sie auch sind: Margos vom Schönheitswahn besessene Mutter, ihr Vater, ein abgehalfterter Ex-Wrestling-Star mit grossen Suchtproblemen, ihre nerdige Mitbewohnerin und natürlich Margo selbst, die versucht, eine Arbeit zu finden, mit der sie ihren kleinen Sohn durchbringen kann, der ihr Leben auf den Kopf stellt (oder «ruiniert», wie einige sagen). Unter dieser poppigen und extrem unterhaltsamen Handlungsebene liegen aber wichtige Themen (Emanzipation/Selbstbestimmung/Sexarbeit/Mutterschaft/finanzielle Abhängigkeit und Ausbeutung etc.) und kluge Gedankengänge. Only Margo kommt harmloser daher, als es ist - ein empfehlenswerter Roman.
AutorIn: Rufi Thorpe
Verlag: ecco
ÜbersetzerIn: Heike Reissig

Francesca Maria Benvenuto erzählt in Dieses Meer, dieses unerbittliche Meer aus der Perspektive eines fünfzehnjährigen Jungen, der im Jugendgefängnis auf der Insel Nisida bei Neapel einsitzt - weil er einen anderen erschossen hat. Zeno ist kein Monster, sondern ein Kind, das nie wirklich eines sein durfte. Aufgewachsen in den engen Gassen eines der ärmsten Viertel Neapels, zwischen Gewalt, Armut und Camorra, kennt er nur eine Logik: überleben.
Benvenuto lässt ihn selbst erzählen - in einer Sprache, die roh, ungeschliffen, manchmal fehlerhaft ist, aber gerade deshalb so eindringlich wirkt. Man hört Zeno denken, spürt seine Wut, seine Sehnsucht, sein Staunen über die Welt, die ihm immer schon verschlossen blieb. Ohne jede Sentimentalität zeichnet der Roman das Porträt eines Lebens, das kaum eine andere Richtung nehmen konnte - und eines Jungen, der trotzdem versucht, zu verstehen.
Mich hat besonders die erzählerische Konsequenz beeindruckt: Benvenuto bleibt ganz in Zenos Stimme, und genau das macht diesen Text so intensiv. Dieses Meer, dieses unerbittliche Meer ist kein Gefängnisroman, sondern eine wütende, zärtliche Anklage gegen die Verhältnisse - und ein erschütterndes, sprachmächtiges Debüt. Todtraurig. Und grossartig. Bitte lesen!
AutorIn: Francesca Maria Benvenuto
Verlag: Kunstmann
ÜbersetzerIn: Christine Ammann

Weihnachten ist doch ein grosser Zirkus - und ein bisschen Zirkus steckt auch in Hugo Balls wunderbarem Roman Flametti, in dem ein Varieté-Direktor seine Truppe über Wasser halten möchte. Die Inszenierung eines neuen Stücks im Krokodil an der Zürcher Langstrasse sorgt für Furore... Ich liebe dieses kleine Prosa-Stück von Hugo Ball und das Buch glitzert sogar, sofern ihr die Ausgabe von Nimbus. Kunst und Bücher habt, die ich hier habe! Somit eignet es sich gar hervorragend als funkelndes Geschenk unterm Weihnachtsbaum!
AutorIn: Hugo Ball
Verlag: Nimbus

In der Vorweihnachtszeit lese ich wahnsinnig gerne Geschichten aus der «guten alten Zeit», auch wenn ich genau weiss, dass es die ja eigentlich gar nie gegeben hat... aber egal! Cider mit Rosie von Laurie Lee, ist genau so eine Geschichte - eine Kindheit in einem kleinen englischen Dorf mit allem, was dazugehört: Lausbubenstreiche, Geistergeschichten, schrullige Dorfbewohner und viel Natur. Ich habs geliebt!
AutorIn: Laurie Lee
Verlag: bilger
ÜbersetzerIn: Pociao und Walter Hartmann

Wer in der Adventszeit vor lauter Weihnachtsfeiern, Plätzchenbacken, Geschenke besorgen und dem normalen alltäglichen Wahnsinn überhaupt nicht zum Lesen kommt, soll es doch mal mit Gedichten versuchen! Ein Gedicht am Tag zu lesen, fordert nicht viel Zeit, es kann einen aber den ganzen Tag begleiten und beschäftigen. Als Fundgrube par excellence empfehle ich eine der besten Lyrik-Anthologien ever: Moderne Poesie der Schweiz" herausgegeben von Roger Perret bei Limmat. Dieses Buch ist eine wahre Schatztruhe und eignet sich auch für all diejenigen, die mit Lyrik (noch) nicht so viel anfangen können. Und weil es so schön ist, ist es obendrein auch ein perfektes Weihnachtsgeschenk!
AutorIn: Roger Perret (Hg.)
Verlag: Limmat

In diesem Roman geht es ums Kochen und Schlemmen, man muss sich ja auch literarisch auf das grosse Weihnachtsgelage einstellen! Kein Buch eignet sich dafür besser als Babettes Fest von Tanja Blixen - eine hochdekorierte Köchin aus Frankreich, die streng pietistische und wenig feier- und gourmeterprobte Dänen bekocht... ein absoluter Lese-Schmaus!
AutorIn: Tanja Blixen
Verlag: Manesse
ÜbersetzerIn: Ulrich Sonnenberg

Davide Coppo erzählt in Der Morgen gehört uns die Geschichte eines Jungen, der langsam und beinahe unmerklich ins Dunkel kippt. Ettore wächst in einem norditalienischen Vorort auf, in einem Zuhause, in dem Schweigen lauter ist als jede Auseinandersetzung. Halt findet er zunächst nur bei seiner Grossmutter - bis Giulio auftaucht: charismatisch, laut, überzeugend. Mit ihm und der «Federazione», einer neofaschistischen Jugendbewegung, erlebt Ettore zum ersten Mal Zugehörigkeit, Stärke, Richtung.
Coppo zeigt eindringlich, wie Verunsicherung, Einsamkeit und das Bedürfnis nach Bedeutung in Ideologie umschlagen können. Der Roman erklärt nichts, entschuldigt nichts - er beobachtet, tastet sich heran, lässt Raum für Ambivalenz. Gerade das macht ihn so stark.
Mich hat beeindruckt, wie Coppo die Mechanismen der Radikalisierung zeigt, ohne zu moralisieren. Die Sprache ist klar, kühl, zugleich voller Empathie für das verlorene Kind in Ettore. Der Morgen gehört uns ist kein politisches Manifest, sondern ein leises, beklemmendes Stück Gegenwartsliteratur - und eine Warnung, wie schnell Sinnsuche in Fanatismus umschlagen kann. Unbedingt lesenswert!
AutorIn: Davide Coppo
Verlag: Kjona
ÜbersetzerIn: Jan Schönherr

Eines meiner Lieblingsbücher für die Adventszeit: Der weite Weg nach Hause von Rose Tremain. Sehr flüssig geschrieben, gerade richtig, um einen Nachmittag lang auf dem Sofa damit zu verbringen. Es geht um Lev, der sich, aus Osteuropa kommend, in London durchschlägt. Er will Geld verdienen, er will zurück, er will eine Zukunft für seine Famlie aufbauen... er will so viel und ist so allein... und gleichzeitig so zäh! Definitiv viel Herzschmerz, aber absolut nicht kitschig - meine erste Leseempfehlung im Adventskalender.
AutorIn: Rose Tremain
Verlag: Suhrkamp
ÜbersetzerIn: Christel Dormagen

2019 gewann Bernardine Evaristo den Booker Price und erstmal wurde etwas von ihr ins Deutsche übersetzt. Erfreulicherweise bringt der Klett-Cotta Verlag nun auch ältere Bücher der Engländerin auf den deutschsprachigen Markt. Zuleika ist vor 20 Jahren erschienen - hat mich aber genau so umgehauen, wie Mädchen, Frau etc. Evaristo erzählt in einem ganz eigenen Stil die Geschichten von Frauen - auch in Zuleika wieder als Langzeitgedicht mit wahnsinnigem Rhythmus und einem grossen Gespür für Schönheit, aber auch Witz der Sprache. Grosse Leseempfehlung, vor allem an diejenigen, die «mal was ganz anderes» lesen möchten!
AutorIn: Bernardine Evaristo
Verlag: Tropen
ÜbersetzerIn: Tanja Handels

Heute ist der 9. November, ein Datum, bei dem es mich immer schaudert. Natürlich war die sogenannte «Reichspogromnacht» 1938 nicht der «Anfang» all des schrecklichen Leids, aber nach dieser Nacht war es gesellschaftlich akzeptiert. Vom Anfang, von den Hintergründen, erzählt hingegen der österreichische Schriftsteller Leo Lania. Sein Roman Land im Zwielicht ist eine sozialpolitische Diagnose der Zeit, wie ich sie in Romanform selten getroffen habe. Absolut lesenswert!
AutorIn: Leo Lania
Verlag: mandelbaum

Eine 50-jährige Frau, die sich um alle Enkel und ihren proletigen Mann gleichzeitig kümmert, erfüllt sich einen Wunsch und studiert heimlich Mathematik. Dort trifft sie auf den 16-jährigen hyperintelligenten Mathestudenten, der auch noch adelig ist. Viele Klischees? Stimmt. Aber es ist ein Buch, das Spass macht, zu lesen und dann auch noch gute Laune. Es muss ja nicht immer Hochgeistiges sein... wenn ein Buch wie ein guter Unterhaltungsfilm ist, finde ich es immer noch um Längen besser, zu Lesen.
AutorIn: Alina Bronsky
Verlag: Kiepenheuer&Witsch

Sacha Naspini entführt in Hinter verschlossenen Türen in ein Dorf, das so eigensinnig ist, dass man es kaum vergisst: Le Case, irgendwo im Herzen der toskanischen Maremma, ein Ort, der wirkt, als sei er aus Stein, Staub und Gerüchten gemacht. Hier lebt eine Handvoll Menschen, die einander seit Jahrzehnten kennen - oder besser: ertragen. Als Samuele Radi, der verlorene Sohn des Dorfes, zurückkehrt, beginnt alles zu brodeln. Alte Rechnungen, alte Lieben, alte Wunden - nichts bleibt unberührt.
Naspini erzählt die Geschichte aus 23 Perspektiven - wie ein Mosaik, das mit jedem Kapitel neue Brüche zeigt. Das Ergebnis ist bitterböse, scharf beobachtet und manchmal urkomisch. Ein bisschen wie eine Dorfsaga, ein bisschen wie eine italienische Soap - mit Schauplätzen, die man sofort wiedererkennt, und Figuren, die einem zu nahe kommen, um sie zu mögen.
Mich hat fasziniert, wie Naspini das Groteske und das Tragische miteinander verwebt. Sein Blick ist gnadenlos, aber nie zynisch - und das macht den Reiz aus. Ein Buch, das unterhält, ohne banal zu sein - böse, klug, lebendig.
AutorIn: Sacha Naspini
Verlag: Kein&Aber
ÜbersetzerIn: Henrieke Markert und Mirjam Bitter

Der Klappentext sagt, dass Hahn einen Stuttgarter Chor als Spiegel einer ganzen Stadtgesellschaft sieht. Ich weiss nicht, ob das stimmt (vermutlich ist die Stadtgesellschaft breiter), aber das ist auch nicht mein Anspruch. Ich mag an Anna Katharina Hahns Bücher, dass sie sich vermeintlich unscheinbare Menschengruppen aussucht und dann innerhalb dieser die Verflechtungen offenlegt, die Tiefen und Untiefen der einzelnen Menschen, ihre Berechtigung, ihnen eine Geschichte zu widmen. Von daher: klare Leseempfehlung von meiner Seite.
AutorIn: Anna Katharina Hahn
Verlag: Suhrkamp

Nach welchen Gesichtspunkten wählt man Protagonistinnen eines Sachbuchs aus, wenn man die These hat, dass die Frauen in einem besonderen Landstrich von einer ganz besonderen Stärke geprägt sind? Angelika Overath hat in ihrem wunderbaren Buch «Engadinerinnen. Frauenleben in einem hohen Tal» 18 Frauen porträtiert.
AutorIn: Angelika Overath
Verlag: Limmat

Ist der Berg nun wegen des Klimawandels oder wegen einer ungünstigen Felsformation gerutscht? Darüber streiten sich Menschen, die auf ihm drauf sitzen - im Restaurant «Berghau» - oder dem, was von ihm übrig ist. Die Situation spitzt sich schnell zu. Angelika Waldis Roman Berghau ist ein psychologisches Kammerspiel.
AutorIn: Angelika Waldis
Verlag: Atlantis

Raffaella Romagnolo erzählt in Die Sterne ordnen von einer Zeit des Aufbruchs - und vom Versuch, nach den Schrecken des Krieges wieder Halt zu finden. Im piemontesischen Borgo di Dentro begegnen sich zwei, die beide Narben tragen: die junge Lehrerin Gilla, die die Bombardierung Genuas überlebt hat, und die zehnjährige Francesca, die nicht spricht und deren Schweigen von einem dunklen Geheimnis erzählt. Mit Geduld, Zuneigung und dem Wunsch, etwas wieder ins Lot zu bringen, das aus der Ordnung geraten ist, versucht Gilla, das Vertrauen des Mädchens zu gewinnen.
Wie schon in Bella Ciao verwebt Romagnolo das Private mit dem Zeitgeschichtlichen - diesmal jedoch sanfter, fast märchenhaft. Der Gedanke, dass sich auch im Chaos eine kosmische Ordnung finden lässt, trägt die Erzählung. Für mich war der Kontrast zwischen Thema und Ton wieder berührend, auch wenn mir das Pathos an manchen Stellen zu stark wurde. Ich hätte mir etwas mehr Zurückhaltung gewünscht - weniger Glanz, mehr Riss. Und doch bleibt Romagnolo eine Autorin, deren Bücher mich beschäftigen, weil sie über das Erinnern schreibt - und darüber, wie man nach dem Unfassbaren weiterlebt.
AutorIn: Raffaella Romagnolo
Verlag: Diogenes
ÜbersetzerIn: Maja Pflug

Ein Buch, das mich von der ersten Seite an gepackt hat - weil es persönlich, politisch und literarisch zugleich ist. Marta Barone erzählt in Als mein Vater in den Strassen Turins verschwand von der Suche nach einem Mann, den sie kaum kannte: ihrem eigenen Vater. Erst nach seinem Tod erfährt sie, dass er in den 1970er-Jahren Mitglied einer linksradikalen Bewegung war, als Arzt Menschen behandelte, die im Untergrund lebten - und dafür sogar verurteilt wurde.
Barone macht aus dieser Vaterrecherche keinen historischen Bericht, keine gefühlsduselige Selbstfindungs-Prosa, sondern spannende Literatur: Sie geht den (spärlichen) Spuren nach, befragt ihre eigenen Erinnerungen, durchforstet Akten, spricht mit Weggefährten - und setzt aus all dem ein bewegendes Mosaik zusammen, immer im Bewusstsein, dass es nur eine Annäherung sein kann. Das Bild, das dabei entsteht, zeigt einen widersprüchlichen, zutiefst idealistischen Mann und zugleich eine ganzen Generation, die wirklich noch an Veränderung glaubte und an sich selbst scheiterte.
Mich hat sehr beeindruckt, wie dicht und authentisch Barone schreibt - ohne Pathos, aber mit grosser Empathie. Die Geschichte zieht einen hinein in eine Zeit, in der alles auf dem Spiel stand, und bleibt dennoch ganz nah bei der Frage, die auch uns angeht: Wie gut kennen wir die Menschen, die uns am nächsten stehen?
AutorIn: Marta Barone
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
ÜbersetzerIn: Jan Schönherr

Was für ein Text! Christian Hallers Roman «Das Institut» merkt man sein Alter nicht an - Intrigen, Käuflichkeit, Korruption, schmerzhafte Selbsterkenntnis - all das ist noch heute so. Lediglich wenn von «modernen Computergeräten» die Rede ist oder die «Bürodamen» vor aller Augen (statt wie heute leider noch immer zu oft hinter verschlossenen Türen) bedrängt werden. Ich habe das Buch in einem Rutsch gelesen - mit grossem Genuss!
AutorIn: Christian Haller
Verlag: Luchterhand

«Spatriati» - das sind in Apulien die, die nicht dazugehören. So wie Claudia und Francesco, die sich nur näher kommen, weil seine Mutter mit ihrem Vater ein Verhältnis beginnt. Was für ein Start für die Geschichte einer unerfüllten Liebe, super Konstellation! Die beiden gehen auf dieselbe Schule, sind aber grundverschieden: er liebt Apulien, sie will weg. Sie ist wild, kompromisslos, immer auf dem Sprung. Zwischen ihnen entsteht eine Beziehung, die keine Form kennt - zu nah für Freundschaft, zu brüchig für Liebe.
Mario Desiati erzählt ihre Geschichte mit einer zärtlichen, poetischen Sprache, die nach Sonne, Staub und Meer schmeckt. Es geht um das Aufbrechen, um das Fremdsein - in der Heimat, im eigenen Körper, im anderen.
Spatriati, übrigens ausgezeichnet mit dem renommiertesten Literaturpreis von Italien, dem Premio Strega, ist ein Roman über das Aufbrechen und Zurückkehren, über Zugehörigkeit und Entfremdung. Mich haben vor allem die leisen Passagen berührt, das tastende Erzählen. Auch wenn mich manche Berlin-Szenen fremdeln liessen: die emotionale Wahrhaftigkeit dieser Geschichte hat mich überzeugt.
AutorIn: Mario Desiati
Verlag: Wagenbach
ÜbersetzerIn: Martin Hallmannsecker

Paul Lynchs Lied des Propheten ist ein Buch, an das man auch nach dem Lesen noch denkt - beim Einschlafen, beim Aufwachen, beim Geschirrabspülen, ständig. Es zeigt uns, wie dünn die Haut der Zivilisation doch ist, und welche Fratze darunter hervorschaut, wenn sie einreisst. Es zeigt uns, dass wir die Sicherheit, in der wir uns wiegen, aktiv bewahren müssen. Und vor allem zeigt es uns, wie gross menschliches Leid in anderen Teilen dieser Welt ist, und wie wenig wir Westler doch berechtigt sind, über Flüchtende zu urteilen. Lynchs Dystopie ist kein Sci-Fi-Roman, es ist sprachlich brillante, bildstarke und detailreich ausgeschmückte Literatur vom Feinsten - und darum (und nur darum) erschüttert es einen bis ins Mark - was die Bilderflut und News ja schon lange nicht mehr schaffen. Definitiv eines der wichtigsten Bücher des Jahres für mich!
AutorIn: Paul Lynch
Verlag: Klett Cotta
ÜbersetzerIn: Eike Schönfeld

Was für ein bemerkenswertes Buch, welch schöne Sprache. So viel Poesie steckt in diesem Band von Plinio Martini. Irgendwo habe ich gelesen, in dem Buch findet man die Seele des Tessins. Ob das stimmt, vermag ich nicht zu beurteilen, aber es würde mich absolut nicht wundern, wenn es so wäre. Unbedingte grosse Leseempfehlung.
AutorIn: Plinio Martini
Verlag: Limmat
ÜbersetzerIn: Trude Fein

Eine ganze Familie, die zusammenarbeitet: Die Mutter eine charismatische und exzentrische Modedesignerin, der Sohn Schmuckdesigner, die eine Tochter entwirft und realisiert Handtaschen, die andere, aus deren Perspektive das Buch geschrieben ist, hilft allen und unterstützt gleichermassen. Dann erleidet die Mutter einen Schlaganfall, das gesamte Familiengefüge gerät aus der Bahn: Die Mutter ist noch da, aber eigentlich ist sie nicht mehr da. Was das mit den einzelnen Kindern, mit der gesamten Familie macht, das erzählt Fen Verstappen in ihrem berührenden und sprachlich herausragenden Debut. Absolute Leseempfehlung!
AutorIn: Fen Verstappen
Verlag: Droschl
ÜbersetzerIn: Janine Malz

Maria Gleits Abteilung Herrenmode. Roman eines Warenhausmädels war eine Kampfansage an das nationalsozialistische Frauenbild und so blieb der Roman erfolglos und wurde schliesslich auf die schwarze Liste gesetzt. Nun hat der Verlag «Das vergessene Buch» den Roman neu aufgelegt, der weder mit Kritik an den Geschlechter- und Klassenverhältnissen spart, noch mit schönen sprachlichen Bildern. Ein Lesevergnügen und eine Autorin, die es zu entdecken gilt!
AutorIn: Maria Gleit
Verlag: dvb Das vergessene Buch

Böse Zungen sagen ja, dass Thomas Mann sich von Giuseppe Tomasi di Lampedusa ruhig eine Scheibe hätte abschneiden dürfen... die Buddenbrooks sind ja ein gewaltiger Schmöker - Der Leopard erzählt auf 200 Seiten ebenfalls vom Niedergang einer Famlie, aber wie fesselnd, präzise und packend! Ich liebe diesen italienischen Klassiker.
AutorIn: Giuseppe Tomasi di Lampedusa
Verlag: Piper
ÜbersetzerIn: Burkhart Kroeber

Ein düsteres Szenario rund um die eher dysfunktionale Familie Kummer, in der jeder auf seine eigene Weise versucht, den sich immer verschlechternden Umständen, vor allem den steigenden Mieten, etwas entgegenzusetzen. Phantastische Elemente gaukeln einem thematische Ferne vor, aber die Probleme der Familie Kummer und das, was diese Probleme mit ihrem Familienleben machen, sind dann erschreckenderweise doch ganz real. Das klingt düster, bemerkenswert ist aber, dass Schnitz ein phasenweise sehr heiteres und flirrend leichtes Buch ist. In dieser Mischung finde ich das absolut bemerkenswert, darum: klare Leseempfehlung!
AutorIn: Marie-Jeanne Urech
Verlag: bilger
ÜbersetzerIn: Lis Künzli

Tonio Schachinger hat im vergangenen Jahr für Echtzeitalter den Deutschen Buchpreis erhalten. Wer Buchpreisen unterstellt, sie würden hoch elitäre und schwer lesbare Werke auszeichnen, wird hier eines Besseren belehrt: Echtzeitalter ist eine coming-of-age-Geschichte, macht grossen Spass beim Lesen und entwickelt eindeutig einen starken Sog. Erzählt wird eine klassische Schul-Geschichte mit allem, was dazu gehört (despotische Lehrer, erste Liebe, Probleme mit den Eltern), besonderes Element ist der Einblick in die Gaming-Welt, der 15-jährige Protagonist ist nämlich ein Internet-Star, wenn es um das Spiel «Age of Empires» geht. Mit Witz und Ironie erzählt, bietet Echtzeitalter darüber hinaus unterhaltsame und erschreckende Einblicke in die Wiener hohe Gesellschaft. Eindeutige Leseempfehlung!
AutorIn: Tonio Schachinger
Verlag: Rowohlt

Spurlos in Neapel ist eine literarische Erkundung: Ein namenloser Ich-Erzähler, seines Zeichens Schriftsteller und als als Sohn von italienischen Gastarbeitern in der Schweiz aufgewachsen, möchte nach dem Tod des Vaters die Welt erkunden, die dieser hinter sich gelassen hat - eine Welt, von der er eigentlich dachte, sie zu kennen, die ihm aber dennoch unendlich fremd ist, deren Codes und Zeichen er nicht versteht, deren Sprache er nur an der Oberfläche spricht, obwohl es doch seine Muttersprache ist. Der Roman ist ein sehr eigenwilliges Porträt von Neapel, schillernd und verwirrend, faszinierend und verstörend.
AutorIn: Franco Supino
Verlag: Rotpunkt

Ich lese viele Gedichte und diese eigentlich kreuz und quer. Manchmal bleibe ich aber richtiggehend hängen und beschäftige mich intensiv mit einer Dichterin, einem Dichter. Aktuell begleitet mich der Lyrikband der 2010 verstorbenene Aargauer Autorin Erika Burkhart. «Ich suche das Wort // das mich fände» schreibt sie 1964 in ihrem Gedicht Dazwischen. Erika Burkhart hat das Wort sehr treffend gefunden, ihre Lyrik ist klar und öffnet weite Denkräume.
AutorIn: Erika Burkhart
Verlag: Limmat

Der Tod ihres Mannes Claude bei einem Motorradunfall war für die Autorin Brigitte Giraud das einschneidenste Erlebnis. 25 Jahre später fragt sie sich immer noch «was wäre wenn» und umkreist damit auch die Frage nach der Schuld. Würde Claude noch leben, wenn... Schnell leben ist ein Roman im Konjunktiv, eine Rekonstruktion von Ereignissen, die zum Unfall führten, ein Abschiednehmen in überraschend nüchternen Worten, ein Buch, das uns auf die eigene Endlichkeit verweist, auf die eigene Ohnmacht. Für mich ein bemerkenswertes Buch!
AutorIn: Brigitte Giraud
Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt
ÜbersetzerIn: Michael Kleeberg

Der erste Roman der grossen italienischen Autorin Dacia Maraini aus dem Jahr 1961 löste einen Skandal aus. Aus unserer heutigen Sicht wirken die sogenannten Liebesszenen fast harmlos - von den Handlungen her. Die teilnahmslose Haltung der Protagonistin ist das jedoch nicht, ich hätte das Mädchen gerne geschüttelt! Maraini hat eine bestimmte Zeit (die letzten Kriegsjahre des 2. Weltkriegs), das Geschlechterverhältnis betreffend, aber auch was die politische Stimmung angeht, hervorragend eingefangen und in präzisen Strichen gezeichnet. Der Titel klingt nach einem Urlaubsroman, das ist Tage im August aber nicht. Ein Roman, der nachhallt.
AutorIn: Dacia Maraini
Verlag: Folio
ÜbersetzerIn: Ingrid Ickler

Der letzter Roman der sardischen Autorin Michela Murgia erzählt von existenziellen Themen und hat mich betroffen und gleichzeitig bereichert zurückgelassen, wie es eben nur gute Literatur vermag! Unbedingte Leseempfehlung!
AutorIn: Michela Murgia
Verlag: Wagenbach
ÜbersetzerIn: Esther Hansen

Fabiano Alborghettis Roman Maiser hat mich sehr berührt. In verdichteter Versform erzählt er vom Schicksal italienischer Einwanderer, die in den 50er-Jahren ihr Glück in der Schweiz suchten. Ein Buch, in dem kein Wort zu viel verloren wird und das darum umso sprachmächtiger mit einem Thema umgeht, das nicht nur immer noch ins Heute ragt, sondern uns tagtäglich in neuer Form wieder begegnet.
AutorIn: Fabiano Alborghetti
Verlag: Limmat
ÜbersetzerIn: Maja Pflug und Klaudia Ruschkowski

Ich bin ein Hasenherz und lese eigentlich gar keine Krimis. Meine Phantasie schlägt mir zu schnell ein Schnippchen und ich bilde mir dann schwupps ein, im Krimi selbst gelandet zu sein - insbesondere nachts. Groll habe ich aus Recherchezwecken für die Literaturtage Zofingen gelesen und kann sagen: das ist ein tolles Buch, das auch krimiunerfahrenen Leserinnen und Lesern Spass macht. Es geht um Freimaurerlogen in Italien, um eine Staatsanwältin, die aus Liebe zum Gesetz genau dieses bricht und ein bisschen auch um Freundschaft. Gianrico Carofiglio arbeitete jahrelang als Richter, Senator und Anti-Mafia-Staatsanwalt, man bekommt also «nebenher» eine ganze Menge Information vermittelt. In der Übersetzung von Verena von Kokskull habe ich seeehr spannende Lesestunden verbracht (ohne total giggelig und verrückt zu werden!).
AutorIn: Gianrico Carofiglio
Verlag: Folio
ÜbersetzerIn: Verena von Koksull

Zwei Autorinnen, eine extrem erfolgreich, eine erfolglos. Die erfolglose June ist dabei, als die erfolgreiche Athena stirbt, klaut ihr Manuskript und wird selbst sehr erfolgreich - bis hierhin ist kein Wort falsch, aber so einfach ist Rebecca F. Kuangs Roman Yellowface mitnichten zusammenzufassen. Athenas Roman thematisierte die Geschichte von chinesischen Arbeitern während des Ersten Weltkriegs, June macht kurzerhand eine Liebesgeschichte daraus, eine Trivialisierung des historischen Stoffes, der ihr vor allem von der asiatischen Community vorgeworfen wird. June steht im Rampenlicht, das immer negativer wird und dreht fast durch, sie glaubt sogar, Athenas Geist erscheine ihr. Yellowface erzählt von Chancengleichheit auf dem Buchmarkt, davon, wie man eine «Geschichte» erzählt, um als «authentisch» angesehen zu werden - als das, was der Markt als authentisch ansieht. Denn: wer darf welche Geschichte erzählen? Ein spannender Einblick in die Verlagswelt, der phasenweise fast eine Satire ist, eine Spuk-Geschichte, die fast zum Thriller wird und immer wieder die Aufforderung an die Lesenden, sich bewusst zu werden, wo sie in Schubladen denken.
AutorIn: R. F. Kuang
Verlag: Eichborn
ÜbersetzerIn: Jasmin Humburg

Als einzige Frau in der Abteilung ist Frau Shibata automatisch für all die Aufgaben zuständig, die in einem Büro jemand übernehmen muss, damit der Laden läuft: Kaffee kochen und servieren, den Kühlschrank ausmisten und reinigen, Tee auffüllen, Post verteilen etc. Ihr wird das zu bunt, da sie dieselbe Ausbildung hat, wie ihre Kollegen. Und sagt eines Tages spontan, dass sie das nicht mehr machen könne - ihr würde schlecht von Kaffeegeruch, sie sei nämlich schwanger. Bäääm, das zieht natürlich einiges nach sich. Wir folgen Frau Shibata durch die Schwangerschaftswochen - ihr Leben ändert sich radikal - und fragen uns natürlich, was sie wohl machen wird, wenn alles auffliegt...? Nur so viel: es kommt anders!
Ich lese japanische Bücher sehr gerne, weil man wirklich in eine ganz andere Welt eintauchen kann und viel über die Kultur und Lebensweise erfährt. Erschreckend hier fand ich die Beschreibung der Arbeitsstrukturen. Frau Shibatas geniale Idee ist ein sehr unterhaltsamer Roman, der mir aber noch lange nachhängen wird.
AutorIn: Emi Yaga
Verlag: Atlantik
ÜbersetzerIn: Luise Steggewentz
MalnataWow, was für eine Geschichte!!! Maddalena gilt als verflucht - obwohl sie noch ein Kind ist. Francesca, Tochter aus gutem Hause, ist fasziniert von der Malnata und entdeckt durch sie, dass es eine Welt jenseits der Erwachsenenregeln und jenseits der blinden Verehrung des Faschismus gibt. Die Geschichte ist angesiedelt am Vorabend des 2. Weltkriegs in der Lombardei.
Beatrice Salvioni, Pengiun

Ich liebe die Bücher von Gertrud Leutenegger und merke jetzt beim Lesen ihres Debüts Vorabend, dass sie schon von Anfang an diesen wunderbaren Zugang zur Sprache hatte, der mich so fasziniert und verzaubert. Unbedingt lesenswert!
AutorIn: Gertrud Leutenegger
Verlag: Suhrkamp

Ein kurzes, dicht erzähltes Buch, das in klug reduzierter Form von einer Freundschaft und somit auch episodenhaft von zwei Frauenleben berichtet. Helfers Figuren sind stark gezeichnet und waren sofort greifbar für mich. Neben der Geschichte um die Freundschaft der ungleichen Frauen reflektiert die Autorin auch immer wieder das Schreiben selbst - was heisst es, in der Literatur «ich» zu schreiben? Für mich ein grosses Lesevergnügen!
AutorIn: Monika Helfer
Verlag: Hanser

Selten sind Bücher, die als «witzig» beschrieben sind, es dann tatsächlich - aber hier habe ich mehrfach laut aufgebrüllt vor Lachen beim Lesen. Very british und herrlich schräg. Der Bestseller aus dem Jahr 1931 erzählt von einer Witwe und deren drei Töchtern, die das skurrile Hobby pflegen, imaginäre Freundschaften zu realen Personen zu unterhalten - wohlgemerkt macht die ganze Familie mit! Neben allen unterhaltsamen Verwicklungen ist Rachel Fergusons Roman auch ein Loblied auf die Kraft der Phantasie!
AutorIn: Rachel Ferguson
Verlag: Nagel&Kimche
ÜbersetzerIn: Sabine Reinhardus

Wie weiterleben nach - oder besser: mit einem grossen Verlust? Austers überraschen schmaler und überraschend humoriger Roman ist ein wunderschönes Prosastück, der liebevolle Blick auf den alternden, aber lebenshungrigen, allein zurückgebliebenen Professor, dessen Frau vor zehn Jahren verstarb, hat mir sehr gut gefallen!
AutorIn: Paul Auster
Verlag: Rowohlt
ÜbersetzerIn: Werner Schmitz

Ich mag Roth-Hunkelers Bücher sehr gerne und finde ihr neustes, Damenprogramm, richtig stark. So ehrlich erzählte Frauenperspektiven, so viel Gesellschaftskritik, so viel Humor, es ist ein grossartiges Buch, das sicherlich nicht nur Damen lesen sollten!
AutorIn: Theres Roth-Hunkeler
Verlag: Edition Bücherlese

Auch Lewinskys neuer Roman ist spritzig und unterhaltsam, wie es ja die meisten seiner Bücher sind. Diesmal geht es um Goethe und um eine Schreibblockade des Meisters. Wie immer kann man sich munter fragen, was auf Tatsachen/Recherche beruht und was der Autor hinzugedichtet hat. Ich habe den Roman mit Freude gelesen, Wermutstropfen war aber die Figur von Christiane Vulpius, der ich etwas mehr Tiefgang gewünscht hätte. Zwar wird klar, dass sie mehr drauf hat, als nur «hinterm Bettvorhang» Themen anzusprechen, aber die Häufigkeit dieser Szenen fand ich dann doch auffällig.
AutorIn: Charles Lewinsky
Verlag: Diogenes

Wow. Wolf Haas schreibt gegen den Tod an (natürlich verliert er), er erzählt vom Sterben und dabei natürlich auch vom Leben seiner Mutter (die, so mag man meinen, seinem Brenner die Sprache gegeben hat). Ein kurzes, gehaltvolles, intimes, oft witziges, in jedem Absatz aber grossartiges Buch!
AutorIn: Wolf Haas
Verlag: Hanser

Uff, das ist starker Tobak. Die Geschichte spielt auf der Schwäbischen Alb und beginnt in den 60er-Jahren, wo Magda, frisch von ihrem Mann verlassen, um eine Zukunft ringt (und wo man das Gefühl hat, als Frau definitiv nicht gelebt haben zu wollen). Aber es geht schief, und das Unglück scheint sich weiter zu vererben, insbesondere an die Frauen der Familie, denn geschiedene, verlassene, alleinstehende Frauen waren einen Dreck wert, und ihre Angehörigen gleich mit. Die drückende Atmosphäre nachbarschaftlicher Überwachung und moralischer Heuchelei ist so plastisch dargestellt, dass mir beim Lesen teilweise wirklich flau wurde.
AutorIn: Alice Grünfelder
Verlag: dtv

Aus Recherchegründen lese ich alle möglichen Romane, die mit dem Kochen zu tun haben - denn Kulinarische Lesungen gehören zu meinen erfolgreichsten Angeboten. Die Geschichte über Die Herbstköchin, die in der Spitzengastronomie immer weiter aufsteigt, habe ich geradezu wegschletzen können. Einziger Nachteil: Man bekommt wirklich Hunger beim Lesen!
AutorIn: Gabriela Jaskulla
Verlag: Insel

Das italienische Ossolatal ragt in die Schweiz hinein. 1944 haben es italienische Partisanen geschafft, die deutsche Wehrmacht von dort zu vertreiben und eine Republik im Tal auszurufen - zumindest für kurze Zeit. Gino Vermicelli war selbst einer der Partisanen, seine Schilderungen der Kämpfe und der daraus resultierenden politischen Realitäten ist absolut fesselnd und wirkt sehr authentisch, auch wenn er den Text erst 50 Jahre nach Kriegsende verfasst hat. Bemerkenswert auch, wie solch harte Geschehnisse in einer so zarten und schönen Sprache erzählt werden können.
AutorIn: Gino Vermicelli
Verlag: Rotpunkt
ÜbersetzerIn: Barbara Fahrni-Mascolo

Für mein neues Lesungsprogramm «Mode in der Literatur», das im Januar Premiere in Winterthur feiert, schmökere ich mich durch meine Bibliothek. Anthologien wie der feine Band Die Kleider meines Lebens aus der Reihe «blue notes» vom Verlag Ebersbach&Simon sind dabei unverzichtbar, nicht zuletzt, weil sie das eigene eingerostete Hirn anstupsen und man sich erinnert - stimmt! Ich muss auch bei Marieluise Fleisser nachschauen...! (zum Beispiel)
AutorIn: Annette Hülsenbeck (Hg.)
Verlag: Ebersbach&Simon

All the leaves are brown... der Song der Mamas & Papas passt gerade hervorragend zum Herbstwetter und begleitet mich nicht nur auf den Spaziergängen, sondern auch beim Lesen dieses dicken Schmökers von Daniel Speck. Eine gross angelegte Familiengeschichte, die sich von Berlin bis Indien erstreckt, viel Lust auf gute Musik macht und sich extrem süffig liest. Wer Lust auf einen literarisch-musikalischen Roadtrip hat, der einen richtig gut unterhält, ist hier genau richtig!
AutorIn: Daniel Speck
Verlag: S. Fischer

Für ein kulinarisches Menü bin ich gerade auf der Suche nach Texten, die sich der mexikanischen Küche widmen - bestenfalls mit weihnachtlichem Bezug... keine ganz leichte Aufgabe, aber Aufgeben kommt natürlich nicht in Frage! Und wie immer ist es herrlich, auf welche interessanten Geschichten man stösst, wenn man gezwungen ist, sich in andere Kulturen einzulesen - I love my job!
AutorIn: Michi Strausfeld
Verlag: Wagenbach

Milena Moser überrascht mich immer wieder! Der Traum vom Fliegen ist ein Zauberberg-Roman (nur viel besser zu lesen!), eine Klinik an der Küste San Franciscos, in der sich drei Patienten anfreunden, die alle an einer Superkraft «leiden». Es bleibt offen, ob die sogenannten Superkräfte wirklich solche sind, oder doch «nur» Krankheiten unserer Zeit. Mosers Roman ist wieder sehr geschickt konstruiert und hallt nach - obwohl er sich in einem Schläz verschlingen lässt.
AutorIn: Milena Moser
Verlag: Kein&Aber

Mattia Bertoldi hat in seinem Roman dem Leben von Lilly Volkart nachgespürt, einer ungemein mutigen jungen Frau, die während des zweiten Weltkriegs zahlreichenen über die Grenze geschmuggelten Kindern aus Italien das Leben rettete, indem sie sie in einem Kinderheim im Tessin versteckte. Der Roman könnte kitschig sein, das Thema würde das hergeben, aber Bertoldi nähert sich seiner Protagonistin mit einem grossen Respekt, der durch die ganze Erzählstimme durchschimmert. Das Buch bewegte mich, nicht zuletzt, weil die Frage nach Zivilcourage, um Leben zu retten, heute genau so dringlich ist wie vor 70 Jahren.
AutorIn: Mattia Bertoldi
Verlag: Edition Bücherlese
ÜbersetzerIn: Ulrike Schimming

Milena Mosers Land der Söhne ist ein kluger Schmöker, den ich nicht mehr aus der Hand legen will. Sofia ist eine der Protagonistinnen des Familienromans, der drei Generationen umfasst. Ihr wird bald ein ganzer Roman gewidmet, der in wenigen Wochen erscheint... Vorfreeeeeeeeeude! So schön, wenn man sich nicht so ganz von liebgewonnenen Figuren verabschieden muss!
AutorIn: Milena Moser
Verlag: Kein&Aber

Paradise Garden vereinigt vieles in sich, was ich sehr mag - ein bisschen Tschick, ein bisschen Becks letzter Sommer und ein bisschen Das verborgene Wort. Der Autorin ist es gelungen, die Stimme einer 14-Jährigen authentisch zu imitieren, ohne dass der Lesefluss dadurch gehemmt wird, mehr noch: man hört Billie extrem gerne beim Erzählen zu und taucht ein in ihre abenteuerliche, traurige und schöne Geschichte.
AutorIn: Elena Fischer
Verlag: Diogenes

Katja Oskamps wunderbare Portraits über «die kleinen Leute» - die Kundschaft einer Fusspflegerin aus Marzahn - sind an mir vorbei gegangen, als alle das Buch hypten. Was bin ich froh, dass die Lektüre mich dennoch erreicht hat. So viel Herzenswärme habe ich selten zwischen zwei Buchdeckeln gefunden, und Oskamps Sprache ist ganz fein und leise, die Erzählerin hat einen Blick für Details. Ein vollkommen zu Recht vielgelobtes Buch!
AutorIn: Katja Oskamp
Verlag: Suhrkamp

Bergbauern vs Tierschützer - die Meinungen zur Wiederansiedlung von Luchsen gehen in den Berner Oberländer Tälern weit auseinander, die Fronten verhärten sich von Tag zu Tag. Urs Mannhart zeigt die verschiedenen Akteure und vor allem auch die Dynamiken in den jeweiligen Gruppen sehr präszise, scharfsinnig und unterhaltsam. Das Buch ist ein absoluter Pageturner, bei dem man nebenbei auch eine ganze Menge über die Thematik lernt.
AutorIn: Urs Mannhart
Verlag: bilger

Als PDF fand ich diese Anthologie schon umwerfend, in Buchform ist sie natürlich noch viel schöner! Eine spannende Anordnung (teils thematisch, teils nach Autor:in) und auf jeder Seite eine Entdeckung - denn Hand aufs Herz, wer kennt schon slowenische Lyrik? Viele Gedichte wurden eigens für diesen Band erstmals übersetzt. Reinlesen lohnt sich unbedingt!
AutorIn: Aleš Šteger (Hg.)
Verlag: Hanser

Die charmanteste Katze, die ich bislang in der Literatur gefunden habe, hat Werner Koch erschrieben. Mal ehrlich: Wer kennt heute noch Werner Koch? Da ich mich gerade für ein Projekt mit dem Thema «Aussteiger» befasse, habe ich See-Leben aus dem Jahr 1973 erneut gelesen - mein Fazit nach wie vor: grossartig! Der Protagonist versucht, seine Erwerbstätigkeit mit seinen Bedürfnissen in Einklang zu bringen, sich vom Büro zu lösen und in der Natur zu arbeiten. 40 Jahre nach Erscheinen des Buches sind wir sensibilisierter auf diese Themen, aber die Frage, ob wir uns als «Büroklammern» wirklich «artgerecht» verhalten, bleibt bestehen. Werner Kochs Beitrag zu dieser Debatte ist absolut lesenswert und charmant - nicht zuletzt wegen der hinreissenden Katze!
AutorIn: Werner Koch
Verlag: Suhrkamp

Die Tanten waren ein Geschenk einer lieben Freundin. Ich bin dankbar für alle, die sich trauen, mir Bücher zu schenken, der Grossteil meiner Freunde meint nämlich «Du hast das ja bestimmt eh schon!». Was, in Anbetracht der Fülle auf dem Buchmarkt, ja gar nicht stimmen kann. Und persönlich empfohlene Bücher sind doch etwas besonders Schönes, oder? Vier ledige Schwestern, alles Tanten der Erzählerin, die sich dem gängigen Rollenbild der Nachkriegszeit widersetzten - unverheiratet blieben, berufstätig, selbständig. Ein aussergewöhnliches und schönes Frauenporträt, das mir auch deshalb heimelig nah geht, da es in Stuttgart spielt!
AutorIn: Nicola Denis
Verlag: Klett-Cotta

Eine anrührende und bewegende Geschichte, die eigentlich an jeder Ecke ins Kitschige abdriften könnte - was sie natürlich nie tut. Stattdessen wird mit grosser Behutsamkeit und Poesie von traumatischen Erlebnissen und einer tief menschlichen Annäherung erzählt. Ein sehr feines und leises Buch, das nie nach Effekten hascht.
AutorIn: Gianna Olinda Cadonau
Verlag: Lenos

Moderne Lyrik aus der Schweiz! Die Gedichte von Anna Frey lassen den Rhythmus spüren, auch wenn man nicht weiss, dass die Autorin seit Jahren als Rapperin und Performerin unterwegs ist. Prägnant und nonchalant, meist aber doppelbödig haben mich die Gedichte sehr eingenommen.
AutorIn: Anna Frey
Verlag: verlag die brotsuppe

Vor dem Hintergrund des grössten Eisenbahnunglücks der Schweiz wird eine Kriminalgeschichte erzählt - ein Regionalkrimi im historischen Gewand, bei dem man beiläufig auch etwas über die Erfolge und Misserfolge von Eiffel lernt und die Schweiz um 1890 einem näher kommt. Die Handlung ist auch an einen Erzählstrang in den 60ern angebunden - ein gut weglesbarer Krimi, der auch für ein Hasenherz wie mich nicht zu heftig ist.
AutorIn: Stefan Haenni
Verlag: Gmeiner

Ich mag es, wenn einem die Protagonisten eines Buches nicht gleich von Anfang an sympathisch sein müssen, sondern man sich ihnen langsam annähern darf. Beim Leuchten im Dunkeln ist es genau so. Man könnte hinter dem Klappentext eine fast stereotype Seelenstriptease-Story vermuten, aber der Roman hat unerwartete Wendungen und Motive und ist unberechenbar. Ich musste mich beherrschen, nicht ans Ende zu blättern, so sehr hat mich interessiert, wie es wohl ausgehen mag. Auf das Gespräch mit der Autorin im September zur Buchvernissage im Sphères in Zürich freue ich mich schon sehr!
AutorIn: Barbara Pallecchi
Verlag: Edition Bücherlese

Was für ein dichtes, intensives, wunderbares Buch. Amélie Nothomb hat mich dem Porträt ihres Vaters Der Belgische Konsul vollends verzaubert - ein Kabinettstück, in dem die ganze Welt steckt.
AutorIn: Amélie Nothomb
Verlag: Diogenes
ÜbersetzerIn: Brigitte Grosse

Wie unaufgeregt, warmherzig und einnehmend die grossartige Natalia Ginzburg hier über das Schicksal ihrer Familie spricht, hat mich tief berührt. Definitiv das intimste und - zumindest für mich - wunderbarste ihrer Bücher. Heute wäre die italienische Autorin 107 Jahre alt geworden.
AutorIn: Natalia Ginzburg

Mehrere Themen bewegen mich hier - einerseits die ungewöhnliche Beziehung zwischen den Protagonisten Max und Fenitschka, die von enger Vertrautheit geprägt ist, dennoch in den Konventionen zwischen Mann und Frau gefangen bleibt, und andererseits die Ungebundenheit von Fenitschka, die sich zwischen Freiheit und Liebe entscheiden muss. Viele Themen werden verhandelt (so liebt ein Mann, so eine Frau), die auf den ersten Blick antiquiert erscheinen - aber ich fürchte, dass in vielen von uns noch viel von diesem Denken und dieser Weltsicht steckt. Darum: Leseempfehlung!
AutorIn: Lou Andreas-Salomé
Verlag: Telegramme

Ich liebe die Romane von Andrea De Carlo und freue mich jeweils sehr, wenn ein neuer übersetzt wird. Mit der gewohnten Schärfe beschreibt er seine Protagonist:innen und nimmt dabei vor allem die Politik aufs Korn. Auch wenn die lokalen Politiker, die trashige Fernsehreporterin, der exzentrische Marchese und viele mehr alle ihr Fett wegbekommen, schafft es De Carlo wieder, dass einem die Figuren irgendwie trotzdem sympathisch sind in ihrer menschlichen Unzulänglichkeit (nicht alle, natürlich!). Keine Ahnung, wie er das schafft!
AutorIn: Andrea de Carlo
Verlag: Diogenes
ÜbersetzerIn: Petra Kaiser

Eine amüsante Geschichte über ein paar Dorfbewohner, die es bewerkstelligen wollen, dass ihr Dorf Nincshof vergessen wird - von der Landesverwaltung, den lästigen Touristen und der Geschichtsschreibung. Natürlich ist von Seite eins an klar, dass die Logik das Scheitern gebietet, unterhaltsam ist Johanna Sebauers Roman aber dennoch.
AutorIn: Johanna Sebauer
Verlag: Dumont
Oh lala. Von Fremdgehen und Untreue, vom Gedankenspiel mit dem Fremdgehen erzählt ja viel Weltliteratur. Musils Vereinigungen offenbaren dabei aber regelrechte Abgründe - die Sprache bleibt dabei stets elegant und trägt die Leserin durch den zeitweise doch recht verstrickten Stoff. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal beim Lesen so sehr in den Schnitzler'schen Traumnovellen-Modus gekommen bin.
Robert Musil, Telegramme, 1.7.2023

Uff, was für ein harter Text, schonungslos erzählt und gleichzeitig so poetisch. Die Erzählerin, eine berühmte Schriftstellerin Ende Vierzig, kämpft mit den Wechseljahren und der Vergangenheit. Auch wenn eine alte Schuld aufgerollt wird (und damit die Geschichte einer Freundschaft,) ist der Roman nicht plotgetrieben. Gut komponiert in erinnerndem Erzählen greift Ciabatti verschiedene Themen auf, doch nicht alle offenbaren sich sofort gleichermassen. Für mich ein Lesevergnügen, insbesondere wegen der Sprache.
AutorIn: Teresa Ciabatti
Verlag: dtv
ÜbersetzerIn: Christiane von Bechtolsheim

Zwar liebe ich es, mich über Wochen in das Werk eines Autors, einer Autorin hineinziehen zu lassen und immer wieder Gedichte zu lesen, die mich tiefer in die Sprache und Denkart des Urhebers/der Urheberin hineinziehen. Aber Lyrik-Anthologien sind ein wahrer Segen für Recherchezwecke! Aktuell stelle ich mal wieder ein kleines Vorlese-Programm für eine Hochzeitsfeier zusammen, da dürfen zwei, drei schöne Gedichte nicht fehlen!
AutorIn: Sigrid Damm (Hg.)
Verlag: Insel

Eigentlich besorgte ich mir diese Sammlung an Liebesbriefen nur für Recherchezwecke (Hochzeitslesung) - doch dann war ich ganz tief drin, in den vielen hier versammelten Liebesgeschichten und bedauerte, dass nur die Briefe der Männer abgedruckt sind und nicht auch noch die Antworten der Frauen. Spass gemacht hat das Eintauchen aber trotzdem!
AutorIn: Jan Strümpel (Hg.)
Verlag: Anaconda

Was für eine grandiose Idee! Frank Berzbach erzählt vom Beginn einer Liebe - ganze zweiunddreissig Mal. Es sind kurze Miniaturen, die natürlich nicht ganz zusammenpassen, weil es immer wieder um die erste Begegnung, um den Anfang der Liebe geht. Insgesamt entsteht dadurch aber ein prächtigbuntes Bild einer grossen Liebe.
AutorIn: Frank Berzbach
Verlag: Eisele

Peter Stamms lakonische Art von grossen Themen und Gefühlen zu erzählen, mag ich sehr gerne. Drama gibt es im Leben des Protagonisten genug - er drückt sich vor einer (vermutlich schlimmen) Diagnose, verkauft seine Wohnung, kündet den Job, ändert sein ganzes Leben - als ob es ohnehin bald vorbei wäre, oder als ob er eine zweite Chance geschenkt bekäme. Dieses Drama spiegelt sich aber nicht in der Sprache wieder, es wird unaufgeregt erzählt, und gerade der dadurch entstehende Freiraum lädt die Leserin ein, sich in die Geschichte fallenzulassen.
AutorIn: Peter Stamm
Verlag: Suhrkamp

Mieko Kawakamis neustes Buch hat mich etwas ratlos zurückgelassen - nicht wegen des Buches an und für sich, sondern weil der Klappentext ein ganz anderes Buch verspricht. Unter der Geschichte einer Frau, die beschliesst, ihr Leben zu ändern, stelle ich mir einen dynamischeren Text vor (der Beschluss und die Veränderung erfolgen zwar, aber erst im letzten Zehntel des Buches). Ich mag japanische Literatur sehr, das Zarte, Unausgesprochene, die Art, wie die Protagonisten miteinander umgehen. Man schaut wirklich in eine andere Welt hinein. Aber eine dynamische Leben-Umkrempel-Geschichte ist das nicht (muss es auch gar nicht). Fazit: Man sollte das Buch lesen, nicht aber die Klappe!
AutorIn: Mieko Kawakami
Verlag: Dumont
ÜbersetzerIn: Katja Busson

Der Roman aus dem Jahr 1922 hat mich aufgrund seiner Aktualität atemlos zurück gelassen. Sturz in die Sonne von C. F. Ramuz ist ein dystopischer Umweltthriller von grosser erzählerischer Kraft, der uns den Spiegel auf so vielfache Weise vorhält, dass es einen schwindelt.
AutorIn: C. F. Ramuz
Verlag: Limmat
ÜbersetzerIn: Steven Wyss

Ein historischer Roman, der nicht in einer historischen Sprache, sondern zeitgemäss daherkommt: sehr angenehm zu lesen (um nicht zu sagen: runterzuschlotzen) sehr informativ (was es nicht alles über die damalige Gesellschaft, das politische System, die philosophischen Gruppierungen und und ... zu lernen gibt) und sehr witzig, trotz des tragischen Endes, von dem wir ja alle wissen.
AutorIn: Eugen Ruge
Verlag: dtv

Geht es nur mir so? Bestimmt mögen doch alle Buchliebhaber:innen Geschichten, in denen es um Antiquariate, Buchhandlungen, Leseratten und die lebensverändernde Kraft des Lesens geht? Ich jedenfalls liebe sie! Wenn Satoshi Yagisawas Roman Die Tage in der Buchhandlung Morisaki ein Kleidungsstück wäre, dann ein weicher, anschmiegsamer Kaschmirmantel, in den man sich hineinkuschelt und ganz geborgen fühlt. Für Menschen, die Bücher mögen, ist das ein Nach-Hause-Kommen-Buch.
AutorIn: Satoshi Yagisawa
Verlag: Insel
ÜbersetzerIn: Ute Enders

Helga Schuberts sehr persönlicher Text über die häusliche Pflege ihres schwer kranken Ehemanns hat mich tief berührt. Der heutige Tag ist ein in Literatur gegossener Pflegealltag - ja, das geht. Warum, das verrät der Untertitel «Ein Stundenbuch der Liebe». Helga Schubert liebt und pflegt - und schreibt darüber. Ich habe das noch nie so gelesen. Dieses bemerkenswerte Buch wird noch lange in mir nachhallen.
AutorIn: Helga Schubert
Verlag: dtv

Lea Catrinas zweiter Roman My boy ist eine rasant erzählte Freundschaftsgeschichte, die zwischen den Schweizer Bergen und Kalifornien spielt - was ja gar nicht so leicht unter einen Hut zu bringen ist. So ungefähr verhalten sich auch die beiden Protagonisten zueinander, um deren Freundschaft es hier geht. Spannend waren für mich vor allem die Einblicke in die Welt des Nachwuchs-Eiskunstlaufs, den Kindern fühlte ich mich etwas näher als den erwachsenen Protagonisten.
AutorIn: Lea Catrina
Verlag: Aris

Fabio Andinas Davonkommen ist, - so kann man vermuten - die Vorgeschichte von Tage mit Felice. Ein junger, tablettenabhängiger, gestresster und verzweifelter Mann muss in ein Bergdorf ziehen, weil er als Arbeitsloser in der Stadt keine Wohnung findet. Der Kampf darum, seinen kleinen Sohn regelmässig sehen zu dürfen, zerreisst ihn fast. Als Lesende verfolge ich einen atemlosen inneren Monolog. Gleichsam mit dem Protagonisten kommt auch die gehetzte Sprache zur Ruhe und wandelt sich. Fazit: Ganz anders als der «Felice» aber nichtsdestotrotz ein tolles Buch!
AutorIn: Fabio Andina
Verlag: Rotpunkt
ÜbersetzerIn: Andreas Löhrer

Anna Ospelts Frühe Pflanzung hat in mir etwas zum Klingen gebracht. So viel Literatur auf so wenig Raum! Die Gattung ist eigenwillig - sicherlich kein Roman, einzelne Sentenzen, die aber freilich alle zusammengehören (und auch zeitlich aufeinanderfolgen). Aber eher wie Pralinen, die man nacheinander geniessen sollte, zu viel packt man wegen des Gehalts nicht. Die Autorin komponiert ihre sorgfältigst. Frühe Pflanzung ist ein wirklich beeindruckendes Buch!
AutorIn: Anna Ospelt
Verlag: LImmat

Martin Suters neuer Roman hat mich, obwohl es eine klassische Altherren-Geschichte ist, gepackt: eine spannende Geschichte, souverän erzählt. Dass es im Roman stets um mündlich erzählte Geschichten geht, ist ein schöner Kunstgriff, man bekommt Lust, den Cognac einzugiessen und sich an den Kamin dazuzusetzen, um bei dieser Erzählung von Dichtung und Wahrheit dabei zu sein... wobei das (das Reden am Kamin) lediglich den Herren im Buch gestattet ist... die Frauenfiguren sind zwar wunderschön, perfekt organisiert, hervorragende Köchinnen oder oder oder - aber leider recht stumm und keine Handlungstreiberinnen. So ist das Buch konstruiert, und es funktioniert so - auch wenn es schade ist, dass die eigentlich spannend angelegten Frauenfiguren nicht ausgebaut werden.
AutorIn: Martin Suter
Verlag: Diogenes

Drei Generationen, drei Frauen, ein Wirtshaus. Den Roman von Silvia Pistotnig habe ich quasi in einem Schnurz verschlungen: gut geschrieben, eine Story, die einen dranbleiben lässt und Charaktere, die einem ans Herz wachsen.
AutorIn: Silvia Pistotnig
Verlag: Elster&Salis

Was für ein beeindruckendes Buch! Peter Weibels Erzählung ist komprimiert und wuchtig. In einer verdichteten Sprache erzählt Akonos Berg von einem Flüchtenden im 21. Jahrhundert, der um sein Leben ringt - nicht auf dem Mittelmeer, sondern an einem Berg, hier bei uns. Zwei junge Bergführer machen sich auf, ihn zu retten - wenn sie es denn können. Für wen riskiert man sein Leben - und welche Leben sind es «wert», gerettet zu werden? Diese Erzählung wird noch lange in mir nachhallen.
AutorIn: Peter Weibel
Verlag: Edition Bücherlese

Zwei Frauen, ein Gletscher ... und 50 Jahre dazwischen. Marianne Künzles schmaler Roman Da hinauf ist ein komprimiertes Leseerlebnis: kein Wort zu viel. Die Lesenden werden auf «ihren» Platz verwiesen: wir sind lediglich Gäste im grossen Theater der Natur... das uns noch lange überdauern wird.
AutorIn: Marianne Künzle
Verlag: Nagel&Kimche

Es gibt Verlage, die mich einfach nie enttäuschen - der Limmat Verlag gehört definitiv dazu. Nicht nur wegen der ausgewählten belletristischen Sparte, sondern vor allem auch wegen seiner herausragenden Sachbücher, die nicht nur perfekt recherchiert, sondern in der Regel auch bebildert und sehr hochwertig realisiert sind. Thematisch nimmt sich der Zürcher Verlag Themen an, die uns als Gesellschaft keinesfalls hintenrunter fallen sollten. Die 15 Porträts von Überlebenden des NS-Regimes in der Schweiz heute gehören ebenfalls dazu. Behutsam und empathisch, jedoch ohne die professionelle Distanz zu verlieren, stellt Simone Müller Menschen vor, die mich in Gedanken noch lange begleiten werden.
AutorIn: Simone Müller
Verlag: Limmat

Puh, das ist ein harter Text, der so leicht daherzukommen scheint. Die Sprache der Protagonistin ist niedlich, eingeschränkt, und diese Naivität bricht einem das Herz. Es geht um eine junge Frau in einem Bordell und ihre langsame aber stetige «Bewusstwerdung». Ein absolut bemerkenswertes Romandebüt!
AutorIn: Cecilia Joyce Röski
Verlag: Hoffmann und Campe

Graphic Novels entdecke ich erst neuerdings für mich. Was für eine grossartige Kunstform, Geschichten zu erzählen! Samira Kentrić schafft es, die komplizierte politische Situation des Balkans vor, während und nach der Kriege anhand ihrer eigenen Familiengeschichte zu erzählen. Die Zeichnungen sind in Sepiatönen gehalten und von einer sehr starken Bildsprache. Balkanalien hat mir einige Wissenslücken geschlossen - sozusagen en passant.
AutorIn: Samira Kentrić
Verlag: Jacoby&Stuart
ÜbersetzerIn: Barbara Anderlič

Ich liebe Romane, die einem die Pionierarbeit von Menschen nahebringen, von deren Einsatz wir immens profitieren, ihn aber unterdessan als selbstverständlich hinnehmen. Sanne Jellings hat sich das Leben der norddeutschen Frauenrechtlerin Helene Lange vorgeknüpft, die sich der Aufgabe verschrieben hat, Mädchen den Zugang zu Bildung und Studium zu ermöglichen. Beim Lesen ploppt an einigen Stellen die Frage auf «ja und wo stehen wir da heute ...?» - z. B. in Bezug auf die wirtschaftliche Sicherheit einer verheirateten Frau mit Kindern. Ein unterhaltsamer und informativer Roman zum «Wegschlätzen».
AutorIn: Sanne Jellings
Verlag: Rowohlt

Ein herrlich verschachtelter Coming-of-Age-Roman. Die junge Rita findet sich nicht zurecht in ihrer Welt und schreibt Geschichten, um das Chaos ihrer innerer Stimmen zu bändigen - wobei die Grenzen zwischen Innen und Aussen total verschwimmen, da Rita in eine Psychiatrie abgeschoben wurde. Man fragt sich natürlich, ob der Protagonist ihrer Geschichten, Herr Jež, vielleicht existiert, (tatsächlich ein Mitpatient ist) oder ob es sich um ein rein schreibtherapeutisches Projekt handelt... Im Endeffekt ist das aber für die literarische Qualität gar nicht wichtig, bzw. hier ist gerade das Verschwimmen und Auflösen der einzelnen Ebenen ein echter Lesegenuss.
AutorIn: Ana Marwan
Verlag: Otto Müller Salzburg

Bei mir vergeht kaum ein Tag, an dem ich nicht zumindest ein Gedicht lese. Bei einer so wunderschön gestalteten Ausgabe wie der zweisprachigen Gedichtsammlung Die Schnittmenge der Schönheit von Milan Dekleva beschert einem schon das in-der-Hand-Halten einen Moment der Musse, was nicht nur an der zurückhaltenden Typo liegt, sondern auch den Birnholzschnitten von Christian Thannhäuser zu verdanken ist. Eine schöne Auswahl aus dem lyrischen Schaffen der letzten 30 Jahre des slowenischen Dichters in einem wie gesagt wunderschön gestalteten Band!
AutorIn: Milan Dekleva
Verlag: Edition Thannhäuser
ÜbersetzerIn: Matthias Göritz, Monika Rinck und Jan Wagner et al.

Weggehen für Anfänger ist ein zweisprachiger Gedichtband der herausragenden slowenischen Lyrikerin Cvetka Lipuš, die Übersetzung besorgte Klaus Detlef Olof. Die Gedichte sind in meinen Augen teilweise verspielt, teilweise tief melancholisch, sprachlich sehr klar und von grosser bildlicher Kraft. Manche ihrer Sätze leuchten mir regelrecht entgegen: «Wenn du allein reist, //spinnst du ellenweise Schweigen,// verlierst aber den Faden,// wenn dich jemand anspricht.»
AutorIn: Cvetka Lipuš
Verlag: Otto Müller Salzburg
ÜbersetzerIn: Klaus Detlef Olof

In den 4. Band der Reihe En Face - Texte von Augenzeugen, welcher Rilke zum Thema hat, schaue ich immer wieder. Es ist eine grossartige «Biographie ohne Biograph». Die Herausgeber Erich Unglaub und Curdin Ebneter haben in jahrzehntelanger Arbeit alle schriftlichen Quellen zu Rainer Maria Rilke zusammengetragen - wer sich über den Dichter geäussert hat, ist aller Wahrscheinlichkeit nach in diesem Band vertreten, von der Haushälterin über den Schulkameraden hin zu Dichterkollegen, Zuschauerinnen bei Lesungen etc. So entsteht beim Lesen ein sehr heterogenes Bild von einem Autor, über den man viel Oberflächliches weiss. Erschienen ist der Band bei «Nimbus. Kunst und Bücher», dem feinen Verlag in Wädenswil am Zürichsee, in dem ich selbst lange Jahre mitarbeiten durfte.
AutorIn: Curdin Ebneter und Erich Unglaub (hg.)
Verlag: NImbus. Kunst und Bücher

Es ist wie fast immer bei den Büchern von Peter Stamm - es braucht nur wenige Seiten und ich bin ganz sanft sehr tief ins Lesen hineingeglitten. Es geht um einen Autor, der von zwei Dokumentarfilmern begleitet wird - und es gibt einen aktuellen Dokumentarfilm über Peter Stamm, in dem die Filmenden irgendwann realisieren, dass Stamm einen Roman über einen Autor schreibt, der von zwei Dokumentarfilmern begleitet wird... In der aktuellen Ausgabe des SRF Literaturclubs wurde das Buch schon besprochen - ich möchte es unbedingt fertiglesen, bevor ich mir die Sendung in der Mediathek anschaue - und auch, bevor ich den Dokumentarfilm anschaue.
AutorIn: Peter Stamm
Verlag: S. Fischer

Andere Bücherwürmer kennen das Phänomen sicherlich: Die meisten Menschen trauen sich nicht, Vielleserinnen Bücher zu schenken, aus Angst, dass man das «eh schon kennt». Ich freue mich sehr, dass es Die Chamäleondamen unter den Weihnachtsbaum geschafft hat, Yvonne Herganes Debüt gefällt mir nämlich ausserordentlich gut, und ich hatte zuvor noch nie von der Autorin gehört!
AutorIn: Yvonne Hergane
Verlag: Maro

Meisterwerk ist ein Roman, der mich umhaut. Erzählt wird eine unmögliche Liebesgeschichte - beide verheiratet, er viel älter, sie seine Lektorin. Die eigentlich Dissonanz ist aber politisch: er ist ein Freiheitskämpfer, sie ist Informantin für den nationalen Sicherheitsdienst. Nicht glücklich mit der Rolle, aber sie ist es nunmal. Ana Schnabl schaut tief in die Psyche ihrer Protagonisten, der Roman ist für mich ein echter Pageturner!
AutorIn: Ana Schnabl
Verlag: Folio
ÜbersetzerIn: Klaus Detlef Olof

Tiziana Locatis wunderbaren Text Weit werd ich ziehn kannte ich schon in der Manuskriptfassung. Damals konnte ich ihr die «Edition 8» empfehlen, es freut mich riesig, dass es geklappt hat und nun das gedruckte Buch vorliegt!
AutorIn: Tiziana Locati
Verlag: Edition 8

Andrej Blatniks Platz der Befreiung ist eine Liebesgeschichte , bei der auch viel mit Worten umeinander geworben wird. Vor dem Hintergrund des Ende des Kalten Krieges und der daraus resultierenden grossen Änderungen entfaltet sich die Geschichte wie ein rasanter Kinofilm: Kurze Kapitel, sehr filmisch erzählt.
AutorIn: Andrej Blatnik
Verlag: Folio
ÜbersetzerIn: Klaus Detlef Olof

Caroline Wahls Debüt 22 Bahnen schafft es, allerlei tragische Figuren, die ein heftiges Päckchen zu tragen haben, in eine Handlung einzubauen, die die Leserin beglückt. Und die Bonmots der kleinen Schwester Ida sind teils zum Schreien komisch. Fazit: Macht Spass!
AutorIn: Caroline Wahl
Verlag: Dumont

Bernardine Evaristos Roman Mädchen Frau etc. hat mich im vergangenen Jahr wirklich umgehauen - eines der besten Bücher seit langem! Dementsprechend aufgeregt war ich, als Mr. Loverman auf meinem Schreibtisch landete - wird es genauso gut oder eine Enttäuschung sein? Da der Roman erst im Februar erscheint, hier nur so viel: Mr. Loverman ist ein grossartiges Buch, das mir viel Freude beim Lesen bereitet und auch mit einigen Vorurteilen aufgeräumt hat - aber die Wucht, mit der mich Mädchen, Frau etc. erwischt hat, ist nicht ganz dieselbe.
AutorIn: Bernardine Evaristo
Verlag: Tropen
ÜbersetzerIn: Tanja Handels

Was für eine wilde Geschichte! Adam Andrusiers autobiographischer Roman hat mich schon auf den ersten Seiten kräftig zum Lachen gebracht. Es ist eine jüdische Familiengeschichte, eine tragische Liebesgeschichte (der Eltern), ein Roman übers Erwachsenwerden, über religiöse Traditionen, über besessene Sammler und über die Reise eines jungen Mannes zu sich selbst.
AutorIn: Adam Andrusier
Verlag: Unionsverlag
ÜbersetzerIn: Dirk van Gunsteren

Tabea Steiner schafft es in ihrem neuen Roman über eine Freikirche zu schreiben, ohne in die Falle der Wertung zu tappen. Ihre Figuren lassen uns nachvollziehen, welchen Halt und welche Kraft sie aus der Zugehörigkeit zu der Glaubensgemeinschaft ziehen, die natürlich auch extrem einengend sein kann. Schwarz-weiss gibt es in diesem Roman nicht. Ein kluger Roman, den ich nicht aus der Hand legen konnte.
AutorIn: Tabea Steiner
Verlag: Edition Bücherlese

Thommie Bayers Romane lese ich wahnsinnig gerne, sie sind immer unterhaltsam und bleiben doch hängen. Das Glück meiner Mutter hat mir Ursula Zangger, eine meiner Lieblings-Buchhändlerinnen empfohlen - sie lag wie immer richtig. Wer das triste Januarwetter hinter sich lassen will, ist hier genau richtig!
AutorIn: Thommie Bayer
Verlag: Piper





